Samstag, 6. März 2010

Mechanisierte Phantasie


Mindestens zehn Mal musste ich heute diese abscheuliche singende Stoff-Osterente anhören, die jeden der mindestens zehn Kunden mit ihrem lächerlichen Gesang und ihren mechanischen Tanzbewegungen zwar in Entzücken zu versetzen vermochte, doch mir mit jedem mal etwas mehr Nerven frass. In der gewohnten Arbeitsroutine Zeit, um mir die folgenden Gedanken zu schenken:


Mechanisierung der Phantasie!
Jedes von sich aus tanzende, singende oder sprechende und wie von Zauberhand zum Leben erweckte Kinderspielzeug ist mehr als alles scheinbar Leblose dem Tod geweiht, herzlos, geistlos, charakterlos und humorlos, weil seine Mechanik ihm den wahren Charakter eines Spielzeugs austreibt, weil sie ihm jegliches spielerische Potential nimmt, das Potential in der kindlichen Phantasie jede denkbare - oder eben nicht nur denk- sondern auch eine nur vorstellbare- Gestalt anzunehmen, die das Kind in ein Spielzeug hinein zu zaubern vermag. Eine singende Ente wird nie zum Eroberer der Unterbettdecke-Welt, nie zum Sieger kindlicher Kriege und nie zum Entdecker ganz neuer Welten, sondern wird stetig dasselbe singende und damit nutzlose Gefiederding bleiben, das es darzustellen verpflichtet ist. Jedes solch "zum Leben erweckte" Spielzeug ist in höchstem Masse eine törichte kindliche Beleidigung!

Wen verwundert es da noch, dass die Drittklässler einer Freundin in ihren Aufsätzen mit dem Titel "mein Phantasieplanet" es gerade mal noch schaffen auf einem ganzen Planeten unbegrenzter Träume die Simpsons zu wahrem Leben zu erwecken, sich ein Haus zu bauen und dieses rundum mit Blumen zu bepflanzen! Ein grosses Pfui auf die Kommerzialisierung der Phantasie!

Es war nachts um drei im Zug, aus Zuständen flüchtend, die mir das gerade verlassene Rohstofflager als menschliche Wiederaufbereitungsanlage für den Rohstoff Mensch verkaufen wollten, als ich mich seit langem wieder einmal an die Frage wagte, wie wohl eine Welt aussehen würde, die in mir keine solche Zustände hervorriefe. Mein einziger nicht wahnsinnig phantasievoller Beschluss war, dass in dieser Welt die Menschen um diese Zeit sicherlich keine Züge bräuchten, sondern schliefen.


Jetzt, dank diesem singenden Gefieder, bin ich wenigstens um einen sinn- wenn auch nicht phantasievolleren Gedanken weiter: Es wäre eine Welt in der wenigstens unsere Kinder noch fähig wären, ihren Phantasieplaneten vollkommen neu zu kreieren. Eine Welt, in der Kinder zumindest in ihrer Phantasie sich auf einen Planeten katapultieren können, auf dem sie sich von Liane zu Liane schwingen, um den grünen Monstern unter dem Sand zu entgehen, wo die Menschen im Wasser schlafen, sich von Steinen ernähren und Fische in den Bäumen nisten. Eine Welt in der wenigstens die kindliche Phantasie noch fliegen kann.


Mit etwas poetischeren Worten:
"[… ja mit einem Blitz, der ihn besonders schön dünkte, obgleich er mehr von seinem Glanz geblendet wurde, als dass er sah, was darin vorging, hatte er diesem verdächtigen Satz noch den zweiten hinzugefügt,] dass wahrscheinlich auch Gott von seiner Welt am liebsten im Conjunctivus potentialis spreche (hic dixerit quispiam = hier könnte einer einwenden..) denn Gott macht die Welt und denkt dabei, es könnte ebensogut anders sein."


Ein Zitat aus Musils Der Mann ohne Eigenschaften, das an dieser Stelle anspornen soll, selbst einmal Gott zu spielen und sich zu überlegen, wie es ebenso gut auch anders sein könnte.

Montag, 1. März 2010

Frau vergleiche

Aufgrund einiger Artikel, die in letzter Zeit im TA und im Magazin erschienen sind, wage ich einmal folgenden Vergleich.

Die allgemeine Meinung meint, dieser Frau fehle es an persönlicher Freiheit:









Das Verhalten von kopftuchtragenden Frauen ist für uns unverständlich, sie lösen in uns ein Gefühl des Entsetzens aus: Warum verbirgt frau sich unter solch offensichtlichen Symbolen der Unterdrückung? Weshalb schränkt sie ihre eigene Freiheit, ihre eigene Persönlichkeit ein, um kulturellen Normen zu entsprechen, um gar gesellschaftlicher Ächtung zu entgehen? Und warum zeigt sie in Gottes Namen ihre Unterdrückung, ihre gesellschaftliche Abhängigkeit so offensichtlich durch das Tragen dieses Schleiers, statt sich zu emanzipieren, zu tragen was ihr gefällt und nicht was von patriarchalischen Frauennormen gefordert wird?!

Ich bin dafür, dieselben Fragen und Forderungen auch an sie zu stellen:


Weil die Antworten nämlich dieselben sind:

Ohne fühle frau sich nackt, nicht ganz weiblich, nicht ganz sie selbst, nur mit, sei sie eine eigenständige Persönlichkeit, eine ganze Person. Anwendbar auf Kopftuch, wie auch auf Make-up.

Natürlich handelt es sich bei beiden Bildern um Extremfälle, doch bei den muslimischen Frauen beschränken wir unsere Kritik ja schon lange nicht mehr nur auf die sogenannten Extremfälle, so müssten wir konsequenterweise uns auch von den Extrembeispielen unseres gesellschaftlichen Schönheitswahns lösen mit allen légere-kopftuchtragenden Frauen die Léger-essenden Frauen ebenso an den Pranger stellen.

Als Selbstverwirklichung und Ausdruck der eigenen Persönlichkeit, Schlüssel zum Erfolg und mehr Lebensfreude wird die Schönheit noch immer gehandelt und dies mit solchem Geschick, dass weder Frau noch Mann bewusst wird, wie sehr die Frau damit unter den Schleier der gesellschaftlichen Unfreiheit gedrückt wird. Wie das Kopftuch bei der muslimischen Frau, wird auch das Köperbewusstsein der westlichen Frau nirgends explizit gefordert, und dennoch ist beides kulturell als Symbol der echten Frau soweit verankert, dass ein unausgesprochenes Gesetzt missachtet, wer sich der scheinheiligen Echtheit widersetzt und beide Frauen werden nicht selten auch mit gesellschaftlicher Ausstossung konfrontiert, sollte sie all zu sehr von der Norm abweichen. Der einzige nennenswerte Unterschied zwischen der Frau mit Kopftuch und der Frau mit den Botoxlippen findet sich wahrscheinlich darin, dass Ersterer physische Gewalt droht, sollte sie sich den Kleidungsnormen widersetzten, während Letztere sich selbst physische Gewalt antut, um den Normen konform zu werden.
Die Vorstellung von der echten westlichen Frau ist noch immer in einer Absolutheit in uns verankert und an ihr Äusseres gebunden, wie es uns eigentlich erschrecken sollte. Leider tut es dies nicht. Denn diese Vorstellungen sind so tief in unsere Muster eingebrannt, dass wir bereit sind, sie als natürlich zu betrachten und sie in ihrer Existenz wahrzunehmen unfähig geworden sind. Die Verhaltensmuster sind soweit natürlich geworden, dass Frauen den Aufdruck "dies ist ohne weitere Bedeutung." auf ihrem Busen präsentieren, nicht ohne Stolz endlich durchschaut zu haben, dass Mann nun mal so funktioniert und gar nichts für, geschweige denn gegen sein Verhalten kann. Die emanzipierte Frau hat heute über diesem männlichen Verhalten zu stehen. Ich glaube aber, dass es falsch, wenn nicht sogar frech ist, die Männer von ihrer Verantwortung freizusprechen und sie in die Abhängigkeit ihrer Triebe zu stellen. (Obwohl Mann diese Entschuldigung auch selber gerne verwendet.) Dass Männer in höchstem Grade dafür verantwortlich sind, wenn Frauen sich ohne Make-up, ohne 90-60-90 Figur, ohne gepflegte Fingernägel, ohne gezupfte Augenbrauen, ohne rasierte Beine, ohne Absatzschuhe und ohne einengende Jeans (um nur eine Auswahl aller physischen Qualen wieder zugeben) nicht als Frauen fühlen, lässt sich einfach beweisen, indem wir uns die Frage beantworten, ob nun die muslimischen Männer oder dessen Frauen die Verursacher sind, wenn Frauen ohne Kopftuch sich nicht mehr wohl fühlen können, und aus der Antwort dann wieder die Parallele ziehen.

Der nächste absolut notwendige Schritt für die weibliche Emanzipation funktioniert nicht ohne die wahrgenommene Verantwortlichkeit der Männer. Das Problem ist, dass allgemein angenommen wird, (weil ironischerweise das die Frauen selbst immer so behaupten) Schönheitsoperationen und Qual-Diäten geschähen auf absolut freiwilliger Basis, ein blauäugiger Glaube an die weibliche Vernunft und die menschliche Wahlfreiheit, doch ich wage hier einmal zu behaupten, dass Frauen die sich die Lippen spritzen lassen, ebenso unfrei handeln, wie Frauen, die ein Kopftuch tragen, doch wurde dieses Verlangen (nicht nur die Norm!) so stark anerzogen, dass Frau selbst den ständigen gesellschaftlichen Druck nicht mehr wahrnehmen kann und davon überzeugt ist aus freien Stücken zu handeln.
Ein Blick, ein kleiner Witz, eine nette Bemerkung ist als einzelne losgelöste Handlung durchaus kein Desaster, doch sie sind die subtilen und somit gefährlichsten Äusserungen falscher Wertemuster unserer Kultur und somit aus Prinzip absolut verwerflich, weil Frau allein deren Wirkung nicht kapieren kann!

Samstag, 6. Februar 2010

Geschlechterdiskrepanzen – eine Selbsterfahrung


Ob biologisch bedingt, ob anerzogen, medial heran gezüchtet oder ob die Kombination aller Faktoren die Diskrepanzen zwischen Mann und Frau herauf beschwören, spielt letzten Endes keine Rolle, denn die Diskrepanzen bestehen, unabhängig ihres Ursprungs. Natürlich lässt sich diese Frage stellen, um einige weitreichendere, grundlegendere Diskussionen zu führen, so zum Beispiel, ob unser Verhalten als Mann oder als Frau biologisch notwendig und damit unumgänglich ist, oder ob wir mit diesem Rollenverhalten unserer eigenen Person Schranken setzten, die unsere Freiheit begrenzen, unsere Empfindungen und Wertungen beeinflussen und unser Verhalten steuern, womit wir also selbst in diesem elementaren Grundverhalten als entweder oder, also als Mann oder Frau, meist ohne Graustufen, nur eine gesellschaftliche Konzeption sind, woraus sich schliessen liesse, dass die Institutionen der Gesellschaft (Familie, Bildung, Medien…) eine fast absolute Macht, eine beinahe vollkommene Steuerungskontrolle über das Individuum haben, womit das Konzept Individualität in sich selbst zerfällt. Dennoch will ich diese Frage hier nicht thematisieren, weil sie einen extrem bitteren Nachgeschmack besitzt, denn wenn man zu beantworten versucht, warum diese Diskrepanzen bestehen, sucht man zwar nur nach einer Erklärung, doch nicht nach einer nüchternen, sondern nach einer vernünftigen, womit die Unterschiede zwischen den Geschlechtern primär als unvernünftig und somit negativ eingestuft werden. Fakt ist aber, dass die Geschlechter gegenseitig von den bestehenden Unterschieden lernen, also profitieren können, was ich mit Hilfe folgender Fixpunkte zu begründen versuche. (Wobei ich mich nur auf die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Persönlichkeitsmerkmalen beziehe, nicht aber auf die Diskrepanzen der gesellschaftlichen Rollen und deren Status!)


Was man in Männerferien kaum antrifft:


Morgendliche Kommentare über die heutige Kleiderwahl.

Diskussionen, ob man asiatisch oder italienisch Essen geht.
Entwürdigende Worte über Menschen, die alle kennen.
Die Frage: "Wie geht es dir?", es sei denn, man vermutet beim andern einen zünftigen Kater.
Melancholische, "die ganze Welt ist scheisse" - Stimmung.
Ein strukturiertes Programm für den Tag.
Widerstand, weil das Programm geändert wird.
Antrieb vor zehn aus dem Bett zu sein.
Schamgefühl.

Was man bei Frauenferien selten antrifft:


Lachen über einen Witz, der schon hundertmal gefallen ist.
Überhaupt auf so viel Lachen.
Auf so viel Kater.
Entwürdigende Worte über Menschen, die keiner kennt.
Abschätzige Kommentare über das andere Geschlecht.
Auf Notenskalen für das andere Geschlecht.
Melancholische "die ganze Welt ist gegen mich" – Kommentare
Auf Tage, die man im Bett verbringt.
Triumphgefühl.

Die erste Ableitung zeigt folgende Extremalstellen:


Männer brauchen nach den Ferien Ferien, um sich zu erholen.

Frauen benötigen vor den Ferien Ferien, um sich vorzubereiten.

Und den Schnittpunkt finden wir hier:



Frauen haben einen Geltungsdrang vor anderen Männern, Männer ebenso.



Differenzierter betrachtet muss ich anfügen, dass beide Geschlechter mit ihrem Verhalten gegen den Nullpunkt streben, dummerweise die Einen von untern, die Anderen von Oben, wobei dahingestellt sein soll, wer sich von woher diesem Punkt nähert. Paradoxer Fakt ist, dass Männer und Frauen sich genau wegen des gemeinsamen Schnittpunktes niemals treffen, bzw. verstehen werden, denn solange die männliche Dynamik bedingt, dass Männer sich untereinander zu behaupten haben, werden Frauen ihr Geltungsstreben nicht durch die Männer befriedigt bekommen.


(Beispiel gefällig? : Die weibliche Dynamik bedingt, dass nach drei stündiger Beratung, an der sich alle Freundinnen beteiligen, weil sie genau wissen, was dem Freund ihrer Freundin gefällt, denn sie wissen eben alles über ihn, endlich das passende Ferienmitbringsel gefunden wurde, während Männerdynamik bedingt, dass ein Mitbringsel als lasterhafte Verpflichtung angesehen wird, die sich mit der Begrünung "beziehungsverlängernd" zu rechtfertigen hat.)


Aus diesen beiden spezifischen Verhaltensweisen ergäben sich, losgelöst von der ganzen Dynamik in der Gruppe, wertvolle Charaktereigenschaften, sowohl für Mann wie auch für Frau. So scheinen die Beziehungen unter Frauen vertrauter, offener, ehrlicher, emotionaler, unterstützender, weil sie sich voreinander weniger behaupten müssen. Die Beziehungen unter Männern dagegen scheinen belastbarer, unkomplizierter, heiterer, gelassener.


Ich denke, damit könnte man auch begründen, warum Frauen tendenziell früher entwickelt sind als Männer, weil sie sich gegenseitig in ihrer Entwicklung unterstützen, während Männer sich dabei eher hemmen. Durch diesen beinahe Alleingang werden Männer vielleicht aber potentiell auch stärker, emotional weniger angreifbar.


Beides aber, die weibliche emotionale Empfindlichkeit und die männliche geistige Gelassenheit haben ihren Wert.


Emotionale Gelassenheit und geistige Empfindlichkeit heisst der wertvolle Kompromiss.














In diesem Sinne: Danke Jungs für die tollen Ferien, hab euch ins Herz geschlossen. J

Freitag, 22. Januar 2010

Vogelfrei – ein literarischer Versuch

Seinen Hut hängte er an den Kleiderständer, seine Aktentasche warf er mit schonender Wucht darunter, holte sich ein kaltes Bier aus dem Kühlschrank und setzte sich damit auf den Balkon. Von dort aus beobachtete er, wie er es fast täglich tat, die Vögel, die sich in den Bäumen tummelten und genoss dazu Schluck für Schluck vom kalten Alkohol. An jenem Tag war der Genuss besonders intensiv, denn er wusste, er würde die Vögel zum letzten Mal sehen müssen. Seinen langweiligen Bürojob hatte er, wie seine Aktentasche schonend wuchtig hingeschmissen und war soeben für lange Zeit von der Arbeit nach Hause gekehrt. Von nun an war er frei wie ein Vogel. Den ersten Schritt in seine Unabhängigkeit schenkte ihm vor einigen Monaten seine Frau, indem sie ihm mitteilte, dass sie sich scheiden lassen wolle, weil sie einen anderen, einen besseren Mann, kennen gelernt habe und nun endlich wagte er den zweiten Schritt Richtung Unabhängigkeit und sagte auch seinem Chef, dass er etwas anderes, etwas besseres mit seinem Leben vorhabe. Nichts hielt ihn mehr hier in dieser öden Gegend, seine Gedanken waren schon lange in der Karibik angekommen, die er von den Ferien mit seiner Frau so gut kannte und so sehr liebte und wo er plante das Ende seines Lebens zu leben, statt dieses abzuwarten.

Kurze Zeit später steht er am Flughafen übervoll mit Koffern und Vorfreude bepackt, doch ebenso kurze Zeit später, kaum in der Karibik angekommen, erreichte ihn ein Telegramm, was ihn nicht minder erstaunte, da er keine Erklärung für diese dringende Kontaktaufnahme sah, aber es gab sie.


Worüber er im Telegramm unterrichtet wurde, kann der Leser sich gerne aussuchen, die Möglichkeiten sind zahlreich:

Sein Bruder ist in der Schweiz erkrankt und benötigt eine Nierenspende.

Sein Vater ist verstorben und setzt ihn als rechtmässigen Erben des Familienunternehmens ein.

Seine Frau ist schwanger, das Kind noch von ihm.

Der Beweggrund ist an dieser Stelle unwichtig. Von Belang ist nur, dass seine Erwartung an die Freiheit der Vergangenheit zum Frass vorgeworfen wurde und er ihrem Ruf folgen wird, zurück in seine Heimat, zurück in die Abhängigkeit, die er nie hinter sich gelassen hat, denn er ist vogelfrei.

Diese Geschichte, ist eigentlich meine Geschichte, doch könnte sie ebenso gut zu deiner Geschichte werden, darum steht sie hier. Hätte er weder geliebt, noch wäre er je geliebt worden, könnte diese Geschichte ein sonniges Ende finden, doch ob dies das glücklichere Ende wäre? Open End.


Dienstag, 15. Dezember 2009

I han es Zündhölzli azündt...

Gerne wäre die Schweiz eine Insel, die sich mitten im Sturm rettend vor den Hilfesuchenden auftut. In Wirklichkeit aber entspricht sie mehr einer Fatamorgana, deren rettende Hoffnung im Nichts verpufft, sobald man sich ihr nähert. Denn noch immer hat die Schweiz ihre kleinkindliche Phase des Fremdelns nicht überwunden, noch immer ist sie durch ihre inzestuöse Bindungen an die Märchen und Mythen, die sie umgeben, gebunden. Noch immer ist die Schweiz, warum sie 1291 geschaffen wurde: ein Land aus einem unangenehmen Bedürfnis heraus: Angst. Wir schwammen ganz allein von Kriegen davon, die Schweiz entkam der roten Invasion und jetzt müssen wir uns auch noch vor dem Minarett-Terrorismus in Sicherheit bringen.
Wir können nachts nicht schlafen, weil wir fest daran glauben, dass unter dem Bett ein böses Monster auf uns lauert und uns fressen will. Wir glauben, indem wir nur Angst haben, das Monster fern zu halten, denn dieses riecht unsere Angst und wird sich, davon eingeschüchtert, geradewegs verziehen.

Wovor fürchten wir uns?

Wir haben Kulturen gefressen und gefressen und gefressen und sind noch immer dabei. Zig Länder wurden im Namen Europas christianisiert, wir haben der ganzen Welt die Liebe zum Kapitalismus gelehrt, brachten unsere Kultur in das Wohnzimmer der geographisch entferntesten Länder -dem Fernseher sei Dank- und heute fürchten wir uns, von all unseren Gaben auch nur den kleinsten Teil zurück zu nehmen. Ist das Arroganz? Egoismus? Gar Hochmut? Mehr Grossgesinntheit, wenn ich bitten darf!

Worum geht es uns?

Den einen geht es tatsächlich um Minarette. Sie wollen nicht mit dem Auto durch die Schweiz fahren und nur noch Türme mit Halbmonden sehen. Der Intelligenzgrad dieser Aussage lässt zweifeln, ob diese überhaupt wissen, was ein Auto ist. (Ironie, dass der Wortlaut von Mister Schweiz Renzo Blumentopf stammt.)

Den anderen geht es um die Unterdrückung der Frau. Sie wollen nicht ein Symbol der Macht gestatten, das einer Religion angehört, die die Frauen klar unterdrückt.

Vielleicht erinnert sie das zu stark an alte Zeiten?

Vielleicht haben sie Angst, unsere Männer könnten dann auch von unbewussten Machtgelüsten gepackt werden? Es könnte ja durchaus sein, dass wir Frauen nach vierzig Jahren schon wieder genug von unserer Mitsprache haben und froh sind von der verantwortungsvollen Freiheit losgesprochen zu werden. (Politik ist eben doch zu anstrengend und nichts für die zimperliche Frau.)
So haben wir Bemitleidenden (oder sollte ich sagen Besserwisser?) auch schon alles unternommen, um diese Frauen aus ihrer Unterdrückung zu befreien, zum Beispiel einmal mit einer betroffenen Frau gesprochen, auch schon einen Kulturtreff besucht, oder ganz viele Nachbarschaftliche Beziehungen aufgebaut. Die Islamisierung ist schliesslich in einem solch bedrohlichen Stadium, dass es von kopftuchtragenden Frauen, denen wir unsere Hilfe anbieten können, nur so wimmelt.

Es könnte sein, dass unsere beiden Kulturen weiterhin unberührt nebeneinander her leben, so als sei der andere inexistent, wir uns einfach ignorieren und keine Schnittstellen aufbauen, so dass ihnen jegliches Erleben unserer Kultur verunmöglicht würde, sie, also die Minarettbenützer, sich ungehindert vermehren, immer mehr Kinder kriegen und immer im stetigen Wachstum mehrheitsfähig werden und dann, weil auch drei Generationen später, dies ist selbst im grössten science fiction Horrorszenario das Minimum der benötigten Zeit, dann könnte es sein, dass sie uns mit unseren eigenen Waffen schlagen und mit den Mitteln der Demokratie dieselbe ausser Kraft setzten und in zweihundert Jahren in der Schweiz die Herrschaft an sich gerissen haben. Das hiesse dann, adieu mit unseren wohlverdienten Goldvrenelis, Muezzingesang statt Alphorngebläse, Mezzeh statt Rösti und Kopftuch statt Tracht.

Dann könnte es sein, dass sich auf dem Bern Bundesplatz folgende Szene abspielt:

Der Bundesrat hat sich an diesem Samstag versammelt, um dem Schweizer Volk für seine tatkräftige Unterstützung für die strenge Zeit der Islamisierung zu danken. Micheline Calmy Rey erscheint hinter dem Redner Pult und trägt aus Solidarität mit den mehrheitsfähigen Islamisten eine Burka. Ungeduldig schaut sie immer wieder auf ihre Armbanduhr, denn der Ueli lässt noch immer auf sich warten, aber der kommt, seit die Kirchglocke in seiner Gemeinde vor einigen Wochen den Betrieb eingestellt hat, einfach nicht mehr pünktlich. Obwohl noch immer zu sechst, beginnt Bundesrätin Calmy Rey folgende Rede:

Schwyzervolk weiss, was es gschlagä hett und was für üses Land ufem Spiel staht. Es hät sini beschtä Chräft iigsetzt zum dur e langjährigi Offensive di bisherigi Bauschlacht unter allne Umstände zgwinne.

(Man hört einen Lautsprecher knacksen, ein kurzes Rauschen und die Arabische Übersetzung ertönt über den Platz.)

Nirgends in Europa isch d Moscheedichti so hoch, wie i de Schwyz. Wenn diejenige, wo glaubed, die islamfründlichi Basis müesse zkritisiere, settet emal so richtig Iiblick becho, i das, was die hüt alles leischtet. Mit wellere Energie, mit welem Pflichtgfühl, mit weller Liebi, si in aller Stilli ihri schwere Gebet verrichtet. Da würed üsi Kritiker nume so stuune und sogar s Muul offe vergässe. Sehr wohl bechämed sie en angeri, e höcheri Meinig vom annektierte Islam. Hüt muss die islamischi Basis gspüre, dass s ganze Schwyzer Volk hinger ihre steiht, dass es ihri Gsetz anerchennt, dass es mit ihne sypathisiert und dass mer nid, wie das früecher mal vorcho isch, verachtend über se redt oder gar d Nase rümpft. Hie u da…

(Wieder ein knacken im Lautsprecher, die Übersetzung verstummt, dafür hallt vom Minarett neben dem Bundeshaus Gebetsgesang über den ganzen Platz. Die Bundesrätin beginnt mit aller Energie zu schreien, dass auch die letzten Worte, die Zuhörer noch erreichen.)

HIÄ U DA, WIRD’S A ZARTE HÄNGE EINIGI BLATERÄÄ GÄÄÄ, DOCH SOOO SCHLIMM ISCH DAS NID!! WO ICH ZUM ERSCHTE MAL, EN SCHLEIER TREIT HAN, ISCH ES MIR NID BESSER GANGÄÄ. DAS ABER, ISCH LAAANG VERBII UND JETZT HANI AU UF DE NASE GNÜEGEND HUUT!!

(Michelines Kopf ist vor Anstrengung rot geworden. Die Zuhörer drehen sich um, man erkennt einen kleinen Mann im grauen Jackett, der mit dem Aktenkoffer unter dem Arm auf den Platz zu rennt. Es ist Ueli, hastig winkt er mit der freien Hand und schreit.)

Hallooooooo, haaaalllooooo, han eu doch gseit, ihr selled uf mit waarte mit aafangä. Hani vill verpasst? …

(Es erklingt Mani Matters Musik)

….töm …..töm…. Gottseidank dass miär diä Minarett verbote händ!

Es folgt das erlösende Ende.


Wovor genau fürchten wir uns jetzt schon wieder??
Ah genau, die singende Invasion; ich habe sie gezääählt, dass mir auch nicht eines feeehlt, an der ganzen grossen Zaaaahl, an der ganzen grossen Zaaaahl:

Am letzten Samstag ein Kopftuch am vorletzen waren es schon vier. Ah ja und die einzige Person, die in den Laden kam und kein Wort Deutschsprach, sieht verdächtig nach einer importierten Asiatin aus und hat kein Kopftuch getragen.

Und wer will, darf jetzt noch rätseln woher die Rede ursprünglich stammt.

Montag, 7. Dezember 2009

JA - Schweizerdeutsch / Schweizerdeutsch - JA



Mein Senf, der jetzt, weil mich schon fürsorgliche Anrufe erreichten, ob ich in der Tat ausgewandert sei, doch noch kommt:
Bin ich nicht, noch nicht, doch hat es mir das Schweizerdeutsch verschlagen, mein Verstand hat sich krankgeschrieben, seit einer Woche meldet mein Kopf nur noch

E R R O R


Der letzte Sonntag gleicht eher einer Meinungsumfrage, denn an einer Volksabstimmung. Es hagelt von Meinungen, die begründen, was das im Affekt gewählte JA bedeutete, was zwischen die Zeilen alles geschrieben wurde und was man jetzt glaubt lesen können. In der Erziehung hat man erkannt, wie weitreichend die negativen und wie unerreichbar die positiven Folgen von Affekthandlungen sind. Man fordert Inne zu halten, zu reden, im Notfall zu ignorieren, doch auf keinen Fall zu schlagen. Man hat es eingesehen. Zumindest in der Erziehung. In der Politik ist Handeln im Affekt nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht, so haben zu viele Schweizerinnen und Schweizer letzten Sonntag dreimal um die eigene Achse ausgeholt und mit geballter Kraft zugeschlagen.


P E N G !


und gleich nochmal:


P E N G !


Arbeitsplätze können tödlich sein.


Minarette scheinbar auch.


Meine Wangen schmerzen noch immer.


Unintelligenterweise haben die mehrheitsfähigen Idioten übersehen, dass es auf dem Abstimmungszettel nur eine Zeile gibt. Kein Platz für ein Dazwischen.
Politik hat einen Wirkungszweck, da sind Meinungen, die zum Christbaumschmuck verkommen sind, der reinen Dekoration dienen, fehl am Platz, weil da kein Platz ist. Medien als Einkaufsstrasse, wo sie sich präsentieren, die Meinungen, glänzend, fabrikneu, Massenproduktion. Man bringt sie, wohlbehütet nach Hause und hängt sie für jedermann sichtbar, an den Weihnachtsbaum, steht davor und betrachtet ihn stolz im Glauben, in ihm eine wahre Bedeutung zu erkennen.

Politik aber soll wirken, nicht schmücken. Sie erfordert Standpunkte, Ziele und Visionen nicht Empfinden, Glauben oder Reaktionen. Ich fordere die Interpretationsfreiheit aus der Verfassung zu streichen, über die Politik auf der Metaebene zu politisieren, und über ihre Funktion und Ziele neues Bewusstsein zu erlangen. Politik erfordert Verantwortung keine Meinungen, dazu gibt es Blogs. Meine Meinung.

Und noch etwas mehr davon: Schade ist der Muezzingesang der vier Minarette in der Schweiz so laut, dass er jede Diskussion über den vom neutral naiven Schweizer gutgeheissenen Kriegswaffenexport übertönt. Ich befürchte stilles Aufatmen bis stille Schadenfreude über die abgewendete Konfrontation seitens unserer Politiker.


Und gleich noch mals: Ich liebe Minarette und deren Klang und ginge es nach mir, dann lieber Ankara statt Aarau, denn die Stadt ist wunderbar.
Selbst das Römische Reich musst irgendwann untergehen, heute trauert niemand mehr darum, da muss sich unsere Reduitromantik nicht viel vormachen.