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Mittwoch, 1. September 2010

maybebaby – oder: die Importance of Being Earnest

Maybebaby: Populär Englisch und ungeniert locker, alles was die Frau von heute braucht, um über ihre Umstände aufgeklärt zu werden. Nun ja, oder sagen wir besser Mädchen oder sogar maybe Baby? Das Zielpublikum ist klar: Nicht werdende Mütter, sondern werdende Frauen, Teenies - Sexualleben ausgezeichnet, Verhütung mangelhaft, Charakter durchgefallen.

Nein, dieser Beitrag handelt nicht von einer Übersexualisierung der Jugend, nicht von zu verteufelnder Frühreife und schon gar nicht von fehlender Aufklärung. Er handelt vom Mangel an Ernsthaftigkeit. Einen Schwangerschaftstest als trendigen Lifestyle für Teenies anzupreisen, ist doch, mir fehlen die Worte, um es anders zu sagen, schlicht wahnsinnig. Ich brauche hier kaum ausführlich die eigentliche Relevanz (un)gewollter Schwangerschaften aufzuzeigen, weder emotional noch sozial, damit ich berechtigt die Frage stellen kann: Wie schafft Frau es, ihren Körper und sich selbst so wenig ernst zu nehmen, dass sie sich in ungeniert lockerem Englisch fragen kann: Maybe baby? Ganz einfach: Was mit ihrem Körper ist, kann man ja wegmachen, etwas dagegen machen, alles gleich machen. Warum Ernst, wenn doch alle Dinge dem Dienst der Ästhetik unterworfen werden können.

Doch nicht nur der Name, sondern auch sein Verkaufsstandort karikiert unsere Zeit:

Keiner sieht hin, keiner hört zu, keiner sagt etwas.

Nur das Mädchen, hoffentlich ihr Freund und - maybe Baby.

Doch keiner Frau, die einen Schwangerschaftstest unter vollkommener Diskretion kaufen will, ist geholfen, wenn sie das tatsächlich kann. Obwohl die Wälfler Diagnostics AG davon überzeugt ist: Mit den hochwertigen Selbsttestern leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Stärkung des Wohlbefindens und zur Verbesserung der Lebensqualität.

Die Hemmungen die bei einem üblichen Kauf überwunden werden müssen, sind zwar lästig, aber sinnvoll: Sie halten die Relevanz der Situation vor Augen, erinnern daran, dass nicht gespielt, sondern gelebt wird – ernsthaft. Hemmungen sind da, um überwunden und nicht umgangen zu werden.
Und wenn es schliesslich heisst: maybe Baby! Wie soll da eine werdende Frau und zugleich werdende Mutter den Mut aufbringen, die emotionale und soziale Tragweite einer ungewollten Schwangerschaft auszustehen (selbst wenn es nur darum geht, die Abtreibung zu beichten!), wenn sie nicht einmal einer erstaunten Apothekerin in die Augen zu blicken gelernt hat, da es von ihr nie gefordert wurde? Wenn jungen Frauen suggeriert wird, dass es sie nichts kostet aus sich und in sich und mit sich zu machen, was man will, wie soll eine junge Frau sich da selber noch ernst nehmen können? Ein Kinderspiel!
Ungewollte Schwangerschaften sind kein ästhetisches Manko, das hinter verschlossener Badezimmertüre behoben werden sollte, sondern eine ernsthafte Aufgabe. Leider aber sind keinerlei Hemmungen vorhanden, diese Aufgabe auf ein solch fragwürdiges Niveau zu bringen. Was meiner Ansicht nach daher rührt, dass wir es schon lange geschafft haben, die Frau in ihrer äusseren Erscheinung nicht mehr ernst bzw. aufrichtig zu nehmen, sondern einzig in den Dienst der kontrollierbaren Ästhetik stellen. Kinderleicht.

Samstag, 14. August 2010

Wie viel kostet eine Plastikfolie?

Wahrig oder Duden? Wahrig oder Duden? Wahrig oder… Vor zwei Tagen hatte ich diese Grundsatzentscheidung zu fällen und wie ich solche Probleme zu lösen pflege, um mich nicht durch banale, einmal gefällte Grundsatzentscheidungen einzuengen: Wörterbuch von Wahrig und Rechtschreibung von Duden.
Um meine Sünde, mich meinem selbstauferlegten Bücherkaufverbot widersetzt zu haben, rationalisierend abzuschwächen, entscheide ich mich nach langem hin und her wenigstens für einen Duden ohne CD-ROM: Brauche ich nicht und kann ich auch nicht brauchen, da mein freier Speicherplatz ohnehin vom Aussterben bedroht ist, lautet das Fazit.

Doch damit der Sünde nicht genug. Einen ausgepackten Duden bezahlt, dafür einen zugeschweissten eingepackt, begebe ich mich nach Hause. Dort, den Duden zum Einsatz schon wieder ausgepackt, merke ich: Diese Plastikfolie ist zwanzig Franken wert, denn zwischen ihr und dem Buch versteckt sich doch noch eine CD-ROM! Kurze Freude gefolgt von der unausweichlichen Frage:

Was mache ich nun mit einer CD-ROM - very nice to have – die ich aber weder brauche noch brauchen kann, und nun doch, nachdem ich so lange mit der Kaufentscheidung haderte, weil ich weder Bücher und schon gar nicht CD-ROMs kaufen sollte, (man erinnere sich des letzten Eintrags) und schon überhaupt gar nicht solche, die ich, um mich zu wiederholen: Weder brauche noch brauchen kann, und doch wirklich ‚v e r y nice to have', auf meinen Knien liegt, kostenlos, ja selbst gewissenlos, weil ich bis vor Kurzem ja nicht einmal wusste, dass ich sie habe?? - Oder besser gesagt, geklaut habe.

Behalten oder zurück bringen? Oder behalten und zurück bringen? (Das würde sogar funktionieren!) Wirklich? Oder merkt ‚man' das? Okay.. keine besonders intelligente Idee.

Wem ist das nicht auch schon passiert: Man trifft sich, hört zusammen Musik, packt den Laptop wieder ein und mit ihm die fremde CD. Die Frage, ob sich die Frage stellt, ob man die CD zurück bringt, ist, so glaube ich, überflüssig. (Allenfalls stellt sich die Frage, ob ich sie in diesem Falle tatsächlich behalte und zurück bringe, aber dies nur by the way.)

Aber muss ich auch dem Herrn füssli eine CD wieder bringen, die absolut unbeabsichtigt und unbemerkt zu meinem Eigentum geraten ist? Tue ich damit jemandem weh? Kann man dies überhaupt stehlen nennen?

Das Problem stellt sich durch die Abstraktion, in der wir uns bewegen. Weder die Hersteller noch der Herr füssli und auch nicht die Mitarbeiter haben für mich den Charakter einer realen Person. Sie existieren bloss als abstrakte Grössen in einem Denkkonstrukt und sind bestenfalls lebende Marionetten in einer funktionierenden Struktur. Aber keiner Person liegt diese CD-ROM am Herzen, niemand wird sie tatsächlich als realen Gegenstand vermissen, wie die Person ihre CD in meinem Laptop. Zwar ist die CD-ROM rechtlich betrachtet jemandes Eigentum, doch emotional gesehen nicht. Sie existiert für den Besitzer allenfalls als Zahl in irgendeiner Liste.

Hierzu Erich Fromm in der ‚Pathologie der Normalität': In unserem System ist ein Prozess im Gange, für den ich gerne ein Wort prägen möchte, […] ich möchte vom Prozess der Abstraktion sprechen und verstehe darunter, dass man etwas abstrakt zu machen versucht, statt es in seiner Gegenständlichkeit und Konkretheit zu belassen. Auf Grund unserer Produktionsweise und auf Grund der Art, wie unsere Wirtschaft funktioniert, sind wir es gewohnt, Gegenstände in erster Linie in ihren abstrakten statt in ihren konkret-gegenständlichen Formen wahrzunehmen.

Dies beschränkt sich allerdings nicht nur auf Waren, sondern weitet sich aus auf Menschen: Man vergisst und ignoriert beim Abstrahieren alle seine [des Menschen] konkrete Eigenschaften. Man spricht von ihm als einem Schuhfabrikanten, wie wenn dies sein Sein gewesen wäre.

Ergänzend hierzu folgende Aussage aus ‚Psychoanalyse und Ethik' von E. Fromm: Unser moralisches Problem ist die Gleichgültigkeit des Menschen sich selbst gegenüber. Wir haben den Sinn für die Bedeutung und Einzigartigkeit des Individuums verloren und haben uns zu Werkzeugen für Zwecke gemacht, die ausserhalb unseres Ichs liegen. […] Wir sind zu Gegenständen geworden und auch unsere Nächsten sind für uns Gegenstände. […] Wir haben kein Gewissen im humanistischen Sinn, denn wir wagen uns nicht auf unsere eigene Urteilsfähigkeit zu verlassen.

Diese beiden Ausführungen miteinander verbindend, erhalten wir folgendes Fazit: Da ich die CD-ROM nur als abstrakten Gegenstand aus einem unpersönlichen Warenhaus mitnehme und den Verkäufer nur um den Tauschwert, nicht aber um den Gebrauchswert dieses Gegenstandes bringe - sie damit nicht im emotionalen, sondern wiederum nur im abstrakten Sinne als Besitz bezeichnet werden kann – kann ich sie im humanistischen Sinne auch nicht stehlen und bin somit für den unmoralischen Charakter meiner Handlung emotional unempfänglich. Also kann ich gar nicht anders als die CD-ROM zu behalten! – Würde es nicht all diese Überlegungen nach sich ziehen und hätte ich den Duden nicht gebraucht, um an meinen Texten für den Förderverein Weltethos zu arbeiten, dann hätte ich vielleicht wirklich nicht anders gekonnt, als sie zu behalten.


Zurück bleibt ein Duden, freier Speicherplatz, die Frage, ob nun ein Weltethos das Potenzial in sich birgt, den Menschen aus dieser Entfremdung zu führen oder ob der vorgängige Weg aus der Entfremdung die unausweichliche Voraussetzung für ein humanistisches und nicht autoritär funktionierendes Weltethos ist, und die Feststellung, mich beim nächsten Mal besser für zweimal Wahrig zu entscheiden, dann wäre mir all dies erspart geblieben.

Sonntag, 1. August 2010

Flucht aus der Langeweile

Das Bestehen meines Blogs jährt sich und damit auch das Ereignis, das mich vor einem Jahr zum Start dieses Weblogs bewegte: der Erste August und mein jährlicher Feuerwerksverkauf. Schon wieder habe ich mich gezwungen, mir die Beine in den Bauch zu stehen und in der Langeweile auszuharren, um mein letzes Feriengeld zu verdienen. Vieles hat sich seither nicht geändert: Mein Unvermögen am ästhetischen Sinn von Feuerwerk teilzuhaben, die Ausreden dafür, warum familie eben doch Feuerwerk kauft und die Rechtfertigungen warum sie es nicht tut. Auch nicht der Grad der Langeweile, deren beinahe pathologischen Charakter mir erst nach der Lektüre von Erich Fromms Publikation über die Pathologie der Normalität bewusst wurde (Das Leben hört auf, im wahren Sinne belebt zu sein. Langeweile ist meiner Meinung nach eines der grössten Übel, die den Menschen befallen können.). In dieser einen Woche ertrage ich so viel Langeweile, wie sonst während dem ganzen Jahr nicht. Alle Warnhinweise der Feuerwerkskörper kenne ich auswendig, ebenfalls das ganze Gartenartikel Sortiment, die Giftklasse jedes Spritzmittels, die Anzahl der Kacheln auf dem Boden, bis jeder Gedanke, selbst die kleinste Regung im Kopf, verstummt… Und vor allem bekomme ich auch die volle Ladung Langeweile der Leute ab, die nicht nur eine Woche, sondern wie sich vermuten lässt, den Hauptteil ihres Lebens mit eben dieser in trauter Zweisamkeit verbringen. Die anhaltende pathologische Form der Langeweile eben. Menschen, die ihr Leben dem täglichen Einkauf widmen, ihre sozialen Beziehungen auf die Gespräche mit der deutschen Kioskverkäuferin bauen und dann, in dieser Stimmung mich erblicken -das verlorene, unterbeschäftigte Migrosmädchen, das dazu verdammt wurde, die gefährlichen Knallkörper vor den bösen Rauchern zu beschützen- und die Gelegenheit ergreifen. Eine Kostprobe will ich nicht vorenthalten:


"Wenn Sie jung sind, können Sie die Welt erobern! Sie gehört Ihnen ganz allein!" Sie, die Kundin von der ich aus Kassierinnenzeiten einzig weiss, dass Pouletschenkel ihre Leibspeise sind, erzählt mir, wie sie ihr Leben nebst dem Kochen füllt. Sie sei alt, alles sei für sie zum Stress geworden, immer wieder betont sie, wie verbraucht sie sei, unglaublich verbraucht von der täglichen Arbeit zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang, neununddreissig Jahre lang habe sie sich verbraucht. A l l e s an ihr sei verbraucht. Termine: Stress; Einkaufen: Stress; selbst Ferien: Stress! "Geniessen Sie die jungen Jahre!", holt sie noch einmal aus, um mich gleich anschliessend zu fragen, was ich machen werde, nachdem ich ihr von meinem Final hier in der Migros und meinem Umzug erzählt habe. "Ah, das ist toll!" Ist ihre Reaktion, ihre Augen glänzen, vor Altersneid, so scheint mir und ihre Worte bestätigen es sogleich: "Wenn Sie jung sind, können Sie die Welt erobern!" Es sei eine typische Alterskrankheit, in jungen Jahren habe sie nie Probleme mit Stress gehabt, "aber jetzt", sie schüttelt bekümmert den Kopf, "aber jetzt", wiederholt sie um darauf vom eigenen Schweigen geschluckt zu werden, "ist sie verbraucht" beende ich ihre Worte in Gedanken. Froh sei sie, dass sie und ihre Katze gesund seien, ergänzt sie und findet in ein selbstbestärkendes Lächeln zurück. "Gesund?!!", versuche ich mich zu beherrschen, dies nur zu denken und boxe meine Gedanken in eine angebrachte Richtung: "Ja die Gesundheit ist das Wichtigste." Sie geht ab, verschwindet in der Drehtür, die sie in den Laden schleust und lässt mich zurück mit der Präsenz einer Grundfrage, die mich nun schon seit einigen Jahren begleitet:


Macht unsere Gesellschaft uns Alterskrank? Nicht das Leben, Krankheit, Tod, missglückte Beziehungen (laut Freud alles äussere Kräfte, die den Menschen für immer am wahren Glück hindern) sondern die Arbeit ist es, die sie verbraucht hat, die Arbeit -unser selbstgewähltes Los.

Ja, selbstgewählt.

Unsere Gesellschaft funktioniert, dank uns.

Auch dies kann ganz leicht von meinem Plätzchen hinter den explosiven Knallkörpern beobachtet werden: Ein zierliches blondes Mädchen entdeckt die riesigen Vulkane, wobei ihre Augen innert Sekunden auf dieselbe Grösse anwachsen und vor Freude Feuer speien. Ihre Mutter erblickt die Gefahr, läuft schnurgerade auf die Hand ihrer Tochter zu und versucht sie, mit dem wartenden Einkauf lockend, weg zu zehren. Doch die Tochter ist schlauer, sie sieht das grosse "A-Wort" von orangeleuchtender Farbe umrandet: "Aber Mami, es isch aktion!, Häsch gseh, aktion, Maaaamiii!" Schliesslich wurden zwei Packungen von vier leuchtenden Augen nach Hause getragen.
Dank Aktion mit Cumuluspunkten versüsst scheint es plötzlich lohnenswert die letzen Tage Arbeit in Rauch aufgehen zu lassen. ("Ja natürlich gibt es auf Feuerwerk auch Märkli, wenn sie möchten!") (Und ja natürlich waren es wieder dieselben Aktionen wie in den Jahren zuvor.)

Was ich damit sagen will: Dies alles ist ein subtiler Ausdruck hiervon:

Erich Fromm zu folgen, existiert eine Art Gesellschaftscharakter, der die psychischen Energien der Individuen in eine bestimmte Richtung lenkt oder kurz, dafür sorgt, dass die Menschen das tun wollen, was sie tun müssen.

Selbstverständlich wird am Ersten August die Schweiz ordentlich gefeiert und selbstverständlich wird am zweiten August wieder pünktlich zur Arbeit erschienen. Selbstverständlich selbstgewählt! Wir sind alle absolut funktionierende Glieder dieser Gesellschaft. Wir sind alle sowas von normal! Wir funktionieren! Es fragt sich nur zu welchem Preis? Natürlich zum Aktionspreis!

Die alte Frau, als die sie sich selbst bezeichnet hat, kehrt nach einigen Minuten aus dem Laden zurück mit einem Zvieri für mich. Zwei grosse weisse, mit Kassenzettel bestückte Pfirsiche, wie es sich fürs Personal gehört. Sie bedankt sich fürs Gespräch und nachdem sie sich vergewissert hat, mich nicht zum letzten Mal gesehen zu haben, verabschiedet sie sich mit einem freundschaftlichen "bis bald."

Diesen Tag habe ich ihr gerettet, sie etwas aus ihrer Langeweile geholt und diesen Tag hat auch sie mir gerettet, weil ich den Rest des Nachmittags damit verbrachte, diesen längst überfälligen Blogbeitrag auf Kassenzettel (siehe Bild) zu notieren. Wenn wir nicht mehr funktionieren, funktioniert es dann doch noch irgendwie.




Aber solange wir funktionieren, werden wir uns noch vielmals überwinden uns zehn Stunden am Tag mit langweiligem Feuerwerkverkauf zu quälen, ohne dabei irgendwelche moralischen Zuckungen zu machen. Und zu welchem Preis: Natürlich auch das zum Aktionspreis! Denn viel mehr werde ich die Migros kaum kosten.


Nun ja, allerdings nicht mehr lange. Gestern, Samstag, als der letze Vulkan seinem ehrenwerten Besitzer verkauft wurde, machte ich endgültig einen Abgang aus der Migrosarbeit, bei der meine Hirnzellen manchmal wörtlichst den Geist aufgegeben haben. Übrigens hat mir ein Kunde am letzten Tag, als ich ihn nach der wohlbekannten Karte fragte, mit seiner Bemerkung, die treffender nicht sein könnte, einen tollen Abschied beschert, den ich nicht vorenthalten kann: "Cumuluskarte? Natürlich habe ich eine Cumuluskarte, jeder in der Schweiz hat eine, wahrscheinlich haben hier mehr Menschen eine Cumuluskarte als einen Schweizerpass!" Danke. Bin gespannt wie lange ich in dieser Gesellschaft ohne Charakter was zu essen kriege.

Samstag, 6. Februar 2010

Geschlechterdiskrepanzen – eine Selbsterfahrung


Ob biologisch bedingt, ob anerzogen, medial heran gezüchtet oder ob die Kombination aller Faktoren die Diskrepanzen zwischen Mann und Frau herauf beschwören, spielt letzten Endes keine Rolle, denn die Diskrepanzen bestehen, unabhängig ihres Ursprungs. Natürlich lässt sich diese Frage stellen, um einige weitreichendere, grundlegendere Diskussionen zu führen, so zum Beispiel, ob unser Verhalten als Mann oder als Frau biologisch notwendig und damit unumgänglich ist, oder ob wir mit diesem Rollenverhalten unserer eigenen Person Schranken setzten, die unsere Freiheit begrenzen, unsere Empfindungen und Wertungen beeinflussen und unser Verhalten steuern, womit wir also selbst in diesem elementaren Grundverhalten als entweder oder, also als Mann oder Frau, meist ohne Graustufen, nur eine gesellschaftliche Konzeption sind, woraus sich schliessen liesse, dass die Institutionen der Gesellschaft (Familie, Bildung, Medien…) eine fast absolute Macht, eine beinahe vollkommene Steuerungskontrolle über das Individuum haben, womit das Konzept Individualität in sich selbst zerfällt. Dennoch will ich diese Frage hier nicht thematisieren, weil sie einen extrem bitteren Nachgeschmack besitzt, denn wenn man zu beantworten versucht, warum diese Diskrepanzen bestehen, sucht man zwar nur nach einer Erklärung, doch nicht nach einer nüchternen, sondern nach einer vernünftigen, womit die Unterschiede zwischen den Geschlechtern primär als unvernünftig und somit negativ eingestuft werden. Fakt ist aber, dass die Geschlechter gegenseitig von den bestehenden Unterschieden lernen, also profitieren können, was ich mit Hilfe folgender Fixpunkte zu begründen versuche. (Wobei ich mich nur auf die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Persönlichkeitsmerkmalen beziehe, nicht aber auf die Diskrepanzen der gesellschaftlichen Rollen und deren Status!)


Was man in Männerferien kaum antrifft:


Morgendliche Kommentare über die heutige Kleiderwahl.

Diskussionen, ob man asiatisch oder italienisch Essen geht.
Entwürdigende Worte über Menschen, die alle kennen.
Die Frage: "Wie geht es dir?", es sei denn, man vermutet beim andern einen zünftigen Kater.
Melancholische, "die ganze Welt ist scheisse" - Stimmung.
Ein strukturiertes Programm für den Tag.
Widerstand, weil das Programm geändert wird.
Antrieb vor zehn aus dem Bett zu sein.
Schamgefühl.

Was man bei Frauenferien selten antrifft:


Lachen über einen Witz, der schon hundertmal gefallen ist.
Überhaupt auf so viel Lachen.
Auf so viel Kater.
Entwürdigende Worte über Menschen, die keiner kennt.
Abschätzige Kommentare über das andere Geschlecht.
Auf Notenskalen für das andere Geschlecht.
Melancholische "die ganze Welt ist gegen mich" – Kommentare
Auf Tage, die man im Bett verbringt.
Triumphgefühl.

Die erste Ableitung zeigt folgende Extremalstellen:


Männer brauchen nach den Ferien Ferien, um sich zu erholen.

Frauen benötigen vor den Ferien Ferien, um sich vorzubereiten.

Und den Schnittpunkt finden wir hier:



Frauen haben einen Geltungsdrang vor anderen Männern, Männer ebenso.



Differenzierter betrachtet muss ich anfügen, dass beide Geschlechter mit ihrem Verhalten gegen den Nullpunkt streben, dummerweise die Einen von untern, die Anderen von Oben, wobei dahingestellt sein soll, wer sich von woher diesem Punkt nähert. Paradoxer Fakt ist, dass Männer und Frauen sich genau wegen des gemeinsamen Schnittpunktes niemals treffen, bzw. verstehen werden, denn solange die männliche Dynamik bedingt, dass Männer sich untereinander zu behaupten haben, werden Frauen ihr Geltungsstreben nicht durch die Männer befriedigt bekommen.


(Beispiel gefällig? : Die weibliche Dynamik bedingt, dass nach drei stündiger Beratung, an der sich alle Freundinnen beteiligen, weil sie genau wissen, was dem Freund ihrer Freundin gefällt, denn sie wissen eben alles über ihn, endlich das passende Ferienmitbringsel gefunden wurde, während Männerdynamik bedingt, dass ein Mitbringsel als lasterhafte Verpflichtung angesehen wird, die sich mit der Begrünung "beziehungsverlängernd" zu rechtfertigen hat.)


Aus diesen beiden spezifischen Verhaltensweisen ergäben sich, losgelöst von der ganzen Dynamik in der Gruppe, wertvolle Charaktereigenschaften, sowohl für Mann wie auch für Frau. So scheinen die Beziehungen unter Frauen vertrauter, offener, ehrlicher, emotionaler, unterstützender, weil sie sich voreinander weniger behaupten müssen. Die Beziehungen unter Männern dagegen scheinen belastbarer, unkomplizierter, heiterer, gelassener.


Ich denke, damit könnte man auch begründen, warum Frauen tendenziell früher entwickelt sind als Männer, weil sie sich gegenseitig in ihrer Entwicklung unterstützen, während Männer sich dabei eher hemmen. Durch diesen beinahe Alleingang werden Männer vielleicht aber potentiell auch stärker, emotional weniger angreifbar.


Beides aber, die weibliche emotionale Empfindlichkeit und die männliche geistige Gelassenheit haben ihren Wert.


Emotionale Gelassenheit und geistige Empfindlichkeit heisst der wertvolle Kompromiss.














In diesem Sinne: Danke Jungs für die tollen Ferien, hab euch ins Herz geschlossen. J

Dienstag, 15. Dezember 2009

I han es Zündhölzli azündt...

Gerne wäre die Schweiz eine Insel, die sich mitten im Sturm rettend vor den Hilfesuchenden auftut. In Wirklichkeit aber entspricht sie mehr einer Fatamorgana, deren rettende Hoffnung im Nichts verpufft, sobald man sich ihr nähert. Denn noch immer hat die Schweiz ihre kleinkindliche Phase des Fremdelns nicht überwunden, noch immer ist sie durch ihre inzestuöse Bindungen an die Märchen und Mythen, die sie umgeben, gebunden. Noch immer ist die Schweiz, warum sie 1291 geschaffen wurde: ein Land aus einem unangenehmen Bedürfnis heraus: Angst. Wir schwammen ganz allein von Kriegen davon, die Schweiz entkam der roten Invasion und jetzt müssen wir uns auch noch vor dem Minarett-Terrorismus in Sicherheit bringen.
Wir können nachts nicht schlafen, weil wir fest daran glauben, dass unter dem Bett ein böses Monster auf uns lauert und uns fressen will. Wir glauben, indem wir nur Angst haben, das Monster fern zu halten, denn dieses riecht unsere Angst und wird sich, davon eingeschüchtert, geradewegs verziehen.

Wovor fürchten wir uns?

Wir haben Kulturen gefressen und gefressen und gefressen und sind noch immer dabei. Zig Länder wurden im Namen Europas christianisiert, wir haben der ganzen Welt die Liebe zum Kapitalismus gelehrt, brachten unsere Kultur in das Wohnzimmer der geographisch entferntesten Länder -dem Fernseher sei Dank- und heute fürchten wir uns, von all unseren Gaben auch nur den kleinsten Teil zurück zu nehmen. Ist das Arroganz? Egoismus? Gar Hochmut? Mehr Grossgesinntheit, wenn ich bitten darf!

Worum geht es uns?

Den einen geht es tatsächlich um Minarette. Sie wollen nicht mit dem Auto durch die Schweiz fahren und nur noch Türme mit Halbmonden sehen. Der Intelligenzgrad dieser Aussage lässt zweifeln, ob diese überhaupt wissen, was ein Auto ist. (Ironie, dass der Wortlaut von Mister Schweiz Renzo Blumentopf stammt.)

Den anderen geht es um die Unterdrückung der Frau. Sie wollen nicht ein Symbol der Macht gestatten, das einer Religion angehört, die die Frauen klar unterdrückt.

Vielleicht erinnert sie das zu stark an alte Zeiten?

Vielleicht haben sie Angst, unsere Männer könnten dann auch von unbewussten Machtgelüsten gepackt werden? Es könnte ja durchaus sein, dass wir Frauen nach vierzig Jahren schon wieder genug von unserer Mitsprache haben und froh sind von der verantwortungsvollen Freiheit losgesprochen zu werden. (Politik ist eben doch zu anstrengend und nichts für die zimperliche Frau.)
So haben wir Bemitleidenden (oder sollte ich sagen Besserwisser?) auch schon alles unternommen, um diese Frauen aus ihrer Unterdrückung zu befreien, zum Beispiel einmal mit einer betroffenen Frau gesprochen, auch schon einen Kulturtreff besucht, oder ganz viele Nachbarschaftliche Beziehungen aufgebaut. Die Islamisierung ist schliesslich in einem solch bedrohlichen Stadium, dass es von kopftuchtragenden Frauen, denen wir unsere Hilfe anbieten können, nur so wimmelt.

Es könnte sein, dass unsere beiden Kulturen weiterhin unberührt nebeneinander her leben, so als sei der andere inexistent, wir uns einfach ignorieren und keine Schnittstellen aufbauen, so dass ihnen jegliches Erleben unserer Kultur verunmöglicht würde, sie, also die Minarettbenützer, sich ungehindert vermehren, immer mehr Kinder kriegen und immer im stetigen Wachstum mehrheitsfähig werden und dann, weil auch drei Generationen später, dies ist selbst im grössten science fiction Horrorszenario das Minimum der benötigten Zeit, dann könnte es sein, dass sie uns mit unseren eigenen Waffen schlagen und mit den Mitteln der Demokratie dieselbe ausser Kraft setzten und in zweihundert Jahren in der Schweiz die Herrschaft an sich gerissen haben. Das hiesse dann, adieu mit unseren wohlverdienten Goldvrenelis, Muezzingesang statt Alphorngebläse, Mezzeh statt Rösti und Kopftuch statt Tracht.

Dann könnte es sein, dass sich auf dem Bern Bundesplatz folgende Szene abspielt:

Der Bundesrat hat sich an diesem Samstag versammelt, um dem Schweizer Volk für seine tatkräftige Unterstützung für die strenge Zeit der Islamisierung zu danken. Micheline Calmy Rey erscheint hinter dem Redner Pult und trägt aus Solidarität mit den mehrheitsfähigen Islamisten eine Burka. Ungeduldig schaut sie immer wieder auf ihre Armbanduhr, denn der Ueli lässt noch immer auf sich warten, aber der kommt, seit die Kirchglocke in seiner Gemeinde vor einigen Wochen den Betrieb eingestellt hat, einfach nicht mehr pünktlich. Obwohl noch immer zu sechst, beginnt Bundesrätin Calmy Rey folgende Rede:

Schwyzervolk weiss, was es gschlagä hett und was für üses Land ufem Spiel staht. Es hät sini beschtä Chräft iigsetzt zum dur e langjährigi Offensive di bisherigi Bauschlacht unter allne Umstände zgwinne.

(Man hört einen Lautsprecher knacksen, ein kurzes Rauschen und die Arabische Übersetzung ertönt über den Platz.)

Nirgends in Europa isch d Moscheedichti so hoch, wie i de Schwyz. Wenn diejenige, wo glaubed, die islamfründlichi Basis müesse zkritisiere, settet emal so richtig Iiblick becho, i das, was die hüt alles leischtet. Mit wellere Energie, mit welem Pflichtgfühl, mit weller Liebi, si in aller Stilli ihri schwere Gebet verrichtet. Da würed üsi Kritiker nume so stuune und sogar s Muul offe vergässe. Sehr wohl bechämed sie en angeri, e höcheri Meinig vom annektierte Islam. Hüt muss die islamischi Basis gspüre, dass s ganze Schwyzer Volk hinger ihre steiht, dass es ihri Gsetz anerchennt, dass es mit ihne sypathisiert und dass mer nid, wie das früecher mal vorcho isch, verachtend über se redt oder gar d Nase rümpft. Hie u da…

(Wieder ein knacken im Lautsprecher, die Übersetzung verstummt, dafür hallt vom Minarett neben dem Bundeshaus Gebetsgesang über den ganzen Platz. Die Bundesrätin beginnt mit aller Energie zu schreien, dass auch die letzten Worte, die Zuhörer noch erreichen.)

HIÄ U DA, WIRD’S A ZARTE HÄNGE EINIGI BLATERÄÄ GÄÄÄ, DOCH SOOO SCHLIMM ISCH DAS NID!! WO ICH ZUM ERSCHTE MAL, EN SCHLEIER TREIT HAN, ISCH ES MIR NID BESSER GANGÄÄ. DAS ABER, ISCH LAAANG VERBII UND JETZT HANI AU UF DE NASE GNÜEGEND HUUT!!

(Michelines Kopf ist vor Anstrengung rot geworden. Die Zuhörer drehen sich um, man erkennt einen kleinen Mann im grauen Jackett, der mit dem Aktenkoffer unter dem Arm auf den Platz zu rennt. Es ist Ueli, hastig winkt er mit der freien Hand und schreit.)

Hallooooooo, haaaalllooooo, han eu doch gseit, ihr selled uf mit waarte mit aafangä. Hani vill verpasst? …

(Es erklingt Mani Matters Musik)

….töm …..töm…. Gottseidank dass miär diä Minarett verbote händ!

Es folgt das erlösende Ende.


Wovor genau fürchten wir uns jetzt schon wieder??
Ah genau, die singende Invasion; ich habe sie gezääählt, dass mir auch nicht eines feeehlt, an der ganzen grossen Zaaaahl, an der ganzen grossen Zaaaahl:

Am letzten Samstag ein Kopftuch am vorletzen waren es schon vier. Ah ja und die einzige Person, die in den Laden kam und kein Wort Deutschsprach, sieht verdächtig nach einer importierten Asiatin aus und hat kein Kopftuch getragen.

Und wer will, darf jetzt noch rätseln woher die Rede ursprünglich stammt.

Montag, 7. Dezember 2009

JA - Schweizerdeutsch / Schweizerdeutsch - JA



Mein Senf, der jetzt, weil mich schon fürsorgliche Anrufe erreichten, ob ich in der Tat ausgewandert sei, doch noch kommt:
Bin ich nicht, noch nicht, doch hat es mir das Schweizerdeutsch verschlagen, mein Verstand hat sich krankgeschrieben, seit einer Woche meldet mein Kopf nur noch

E R R O R


Der letzte Sonntag gleicht eher einer Meinungsumfrage, denn an einer Volksabstimmung. Es hagelt von Meinungen, die begründen, was das im Affekt gewählte JA bedeutete, was zwischen die Zeilen alles geschrieben wurde und was man jetzt glaubt lesen können. In der Erziehung hat man erkannt, wie weitreichend die negativen und wie unerreichbar die positiven Folgen von Affekthandlungen sind. Man fordert Inne zu halten, zu reden, im Notfall zu ignorieren, doch auf keinen Fall zu schlagen. Man hat es eingesehen. Zumindest in der Erziehung. In der Politik ist Handeln im Affekt nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht, so haben zu viele Schweizerinnen und Schweizer letzten Sonntag dreimal um die eigene Achse ausgeholt und mit geballter Kraft zugeschlagen.


P E N G !


und gleich nochmal:


P E N G !


Arbeitsplätze können tödlich sein.


Minarette scheinbar auch.


Meine Wangen schmerzen noch immer.


Unintelligenterweise haben die mehrheitsfähigen Idioten übersehen, dass es auf dem Abstimmungszettel nur eine Zeile gibt. Kein Platz für ein Dazwischen.
Politik hat einen Wirkungszweck, da sind Meinungen, die zum Christbaumschmuck verkommen sind, der reinen Dekoration dienen, fehl am Platz, weil da kein Platz ist. Medien als Einkaufsstrasse, wo sie sich präsentieren, die Meinungen, glänzend, fabrikneu, Massenproduktion. Man bringt sie, wohlbehütet nach Hause und hängt sie für jedermann sichtbar, an den Weihnachtsbaum, steht davor und betrachtet ihn stolz im Glauben, in ihm eine wahre Bedeutung zu erkennen.

Politik aber soll wirken, nicht schmücken. Sie erfordert Standpunkte, Ziele und Visionen nicht Empfinden, Glauben oder Reaktionen. Ich fordere die Interpretationsfreiheit aus der Verfassung zu streichen, über die Politik auf der Metaebene zu politisieren, und über ihre Funktion und Ziele neues Bewusstsein zu erlangen. Politik erfordert Verantwortung keine Meinungen, dazu gibt es Blogs. Meine Meinung.

Und noch etwas mehr davon: Schade ist der Muezzingesang der vier Minarette in der Schweiz so laut, dass er jede Diskussion über den vom neutral naiven Schweizer gutgeheissenen Kriegswaffenexport übertönt. Ich befürchte stilles Aufatmen bis stille Schadenfreude über die abgewendete Konfrontation seitens unserer Politiker.


Und gleich noch mals: Ich liebe Minarette und deren Klang und ginge es nach mir, dann lieber Ankara statt Aarau, denn die Stadt ist wunderbar.
Selbst das Römische Reich musst irgendwann untergehen, heute trauert niemand mehr darum, da muss sich unsere Reduitromantik nicht viel vormachen.

Sonntag, 22. November 2009

Mir stinkt's!

Morgens um neun steht eine alte Frau, schlecht geschätzte 80 Jahre, bei uns im Lebensmittelladen. Ich bemerke sie, weil meine Kollegin, an deren Kasse die alte Frau steht, zu würgen beginnt, das Gesicht verzieht und mich wissen lässt, obwohl allein schon ihr Ausdruck Bände spricht, dass sie sich beinahe übergeben muss. Grund: die alte Frau stinkt und zwar gewaltig. Und nicht nur das, auch ihre Haare triefen vor Fett und die Kleider scheinen seit Zeiten ungewaschen, doch die alte Frau, sie strahlt.

Ursache für den Gestank Nr.1:
Die alte Frau sieht und riecht sich selbst nicht mehr, nimmt daher nicht wahr, dass sie für ihr Umfeld solch eine Plage ist.

Ursache für den Gestank Nr.2:
Vielleicht weiss sie durchaus über ihre Ausdünstung Bescheid, ist aber körperlich nicht mehr in der Lage etwas dagegen zu unternehmen und geistig noch zu vital, um etwas dagegen machen zu lassen.

Ursache für den Gestank Nr. 3:
Unabhängig davon, warum die Frau nichts gegen ihre Ausdünstung unternimmt, ist klar, dass auch kein soziales Umfeld da ist, das dies für sie übernimmt und sie auf ihren unerträglichen Zustand aufmerksam macht. Also keine familiäre Einbindung, weder Kinder, noch Ehemann, noch Geschwister, Cousinen …, keine Kaffeklatsch-Freundinnen, kein Nachbarschaftsnetzt, keine Seniorentreffs, rein gar nichts, was sich verantwortlich fühlt, dieser alten Frau zu sagen, dass sie stinkt.

Die Vorstellung, dass sich irgendwann jedes Schwein nur noch einen solchen Scheissdreck um einen kümmert, dass man selbst zum Schwein wird, ohne es zu bemerken, ist, zumindest für mich, ganz schön beängstigend.
Die menschlichste Lösung aus diesem Desaster wäre, dass jeder einzelne wieder lernt Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen, denn wir alle sind Kinder, Neffen und Nichten, sind Nachbaren und könnten sogar Freunde sein. Die einzige Verantwortung, die wir aber heute noch tragen wollen, oder können, ist die bezahlte und so bleibt nur die Möglichkeit Sozialarbeiter für das Flicken solcher Zustände einzuspannen. Die putzen quasi den Dreck der Kapitalismusverliebten auf.

Hier eine Alternative: Es wäre zweckgemäss das Verkaufspersonal für solche Fälle zu schulen und zur Verantwortung zu ziehen, denn erstens bekommen die alles mit, da keiner ums Einkaufen kommt. Von einfachen Alkoholfahnen am frühen Morgen über blaue Flecken in Frauengesichtern oder Kinderköpfen, über Ausländerinnen, die auch nach zig Jahren noch immer einen Übersetzter für den Kaufbetrag benötigen, bis hin zu stinkenden alten Frauen und selbst mit abgewiesenen Asylsuchenden kennt sich zumindest die Migros bestens aus. Zweitens wäre dies auch eine sinnvolle Ergänzung zur Arbeit im Verkauf und schliesslich wird, wer über die Kompetenzen verfügt, einen potentiellen Dieb zu überführen, auch in der Lage sein, einer alten Frau zu vermitteln, dass sie stinkt.

Etwas weniger Arbeitsteilung dafür mehr Sinnstiftung auf mehreren Ebenen oder mehr Verpflichtung für jeden einzelnen significant caring person zu sein, was so viel heisst wie gelebte Nächstenliebe auf Postmodern und schlicht bedeutet wieder etwas mehr verantwortungsbewusste Geschwister, Kinder oder Nachbaren zu sein und vielleicht sogar Freunde zu werden. Was schlicht bedeutet sich wieder einmal über seinen Horizont hinaus zu kümmern.

Freitag, 13. November 2009

Ooohh du Fröööhlicheeeee


Die Migros macht nun offiziell, was man schon seit einiger Zeit vermuten konnte: Weihnachten ist nicht mehr länger ein Fest der Liebe, sondern das Fest der Wünsche und als ob damit Weihnachten vom Zweck nicht genug entfremdet wäre, dürfen wir diese Wünsche neuerdings auch am 26.Dezember und am 2.Januar grenzenlos befriedigen, weil jede einzelne Migros Filiale im Kanton Aargau und Solothurn an diesen Tagen geöffnet sein wird!

Die Migros erklärt, der Herr Coop sei schuld, weil der sich nicht an die getroffene Vereinbarung halte, somit sei die Migros in ihrer Opferrolle gezwungen mitzuziehen. Für ihre feiertägliche Arbeit werden die Mitarbeiter zwar dementsprechend entschädigt werden, doch ob fehlende Weihnachtserinnerungen wirklich durch Geld ersetzt werden können?
Um sachlich zu bleiben, muss ich an dieser Stelle ergänzen, dass ich weniger die armen Detailhandelsangestellten als Opfer sehe, als alle die armen Kinder, deren Eltern tatsächlich am 26.Dezember lieber einkaufen gehen, statt Besuch zu empfangen und die familiäre Zeit zu geniessen. Meine besondere Sorge geht natürlich an all jene Kinder, die an diesem Tag ihre Mutter in der Migros besuchen müssen, wenn sie etwas von ihr haben möchten.

Dennoch ist für mich durchaus nachvollziehbar, dass eine Einkaufsplanung für drei Tage in Folge einem massiven Einschnitt in die persönliche Freiheit gleichkommt und Ladenöffnungszeiten diskriminierende gesellschaftliche Strukturen darstellen, denen der Kunde sich nicht beugen darf. Und noch mehr Verständnis habe ich dafür, dass die Migros auch diesem Kundenwunsch nachkommt, da in der Tat die Möglichkeit besteht, dass die lieben Kunden sonst am Montag die Migros boykottieren und aus Trotz keine Nahrungsmittel mehr kaufen, weil sie dies schliesslich am 26.Dezember auch nicht konnten.

Kurzum: an solchen Tagen Einkaufen zu gehen offenbart, dass man entweder der sozialen Isolation entflieht, die an Weihnachten besonders schwer lastet oder dass man sich wie die Migros offiziell dazu bekennt, das Fest der Wünsche statt der Liebe zu feiern.
Ich rate davon ab, mir an diesem Tag unter die Augen zu kommen.

Montag, 2. November 2009

Wunschträume im Alter

Wunschträume im Alter stammen oft noch aus unserer Jugend, weil wir in der Zeit dazwischen vergessen haben, sie zu realisieren.



Daraus lassen sich zwei Dinge schliessen:
  1. Wunschträume sind nicht zum Realisieren gedacht, weil sie ihren Zweck (Hoffnung spenden, uns anzutreiben, Identifikation und Sinn zu stiften) auch als, oder gerade als, Phantasiegebilde erfüllen.
  2. Spätestens im Alter müssen wir an unseren Kompetenzen, ein Leben zu führen, zweifeln.

Klar ist, dass Wunschträume sicherlich auch ohne dass sie realisiert werden, einen Zweck erfüllen und uns, einfach gesagt, Gutes tun. Dennoch werden Wunschträume nicht im Bewusstsein um diesen Zweck ausgetüftelt und somit gehe ich davon aus, dass wir unsere Wunschträume gerne in die Realität übertragen würden. Warum aber reichen 40 Jahre nicht, um einen Sprung mit dem Fallschirm zu wagen, um Englisch zu lernen oder nach Paris zu reisen? Vielleicht ist es wie beim Rauchstopp: Nie scheint der Zeitpunkt zu stimmen, nie genügend Mut vorhanden zu sein, ständig sprechen irgendwelche Umstände dagegen und dennoch leben wir in der ganzjährigen Illusion, unsere Wunschträume leben zu können, wenn wir nur wollten. Nur scheinen 40 Jahre nicht zu genügen, um einmal richtig zu wollen. Passend dazu, kann man ja Aktivierung jetzt auch als Therapie geniessen, das aber gibt schon wieder mehr zu denken, als in diesen Post gehört.

So sind wir dann alt, müssen mit ansehen, wie unsere Wunschträume schon langsam am verrotten sind, lächeln etwas verlegen über uns selbst und bestärken uns in dem, was wir insgeheim schon immer gewusst haben: Nur Phantasten ergeben sich der träumerischen Magie, man selbst aber war eigentlich schon immer Vollblutrealist. Der Vollblütige begreift nur leider nicht, dass diese Überzeugung aus der mächtigsten Illusion besteht.

Freitag, 4. September 2009

Beziehungskonstrukte: wenn der Mensch weiss, was ihn glücklich macht

Wenn man einen Menschen nicht braucht, weil man ihn liebt, sondern ihn liebt weil man ihn braucht, wäre die sogenannte Liebe mit Eigenwertkompensation oder Marktwertsteigerung treffender beschrieben. -Wieder einmal im Konjunktiv, weil die Mittel sich Ersteres glaubhaft zu machen, wo wahrhaftig Letzteres der Fall ist, unerschöpflich sind und daher für Betroffene die Differenzierung der beiden Fälle verunmöglicht wird, trotz ihres enormen Wertunterschieds.
Der Sinn einer partnerschaftlichen Beziehung verlagert sich unter dieser Voraussetzung von der angestrebten bedingungslosen Bejahung seines Gegenübers zu der Absicherung, nicht ohne Absprache verlassen zu werden. Das Konstrukt Liebe reiht sich mit dieser Reduktion nahtlos an die Institutionen, die das menschliche Sicherheitsbedürfnis befriedigen.

An einigen einfachen und, so glaube ich, pauschalisierbaren Beispielen lässt sich zeigen, dass diese Gedanken begründbar sind und nicht (nur -man muss schliesslich die freudsche Verneinung beachten ) dem Trotz entspringen:

Gemeinsam verbrachte Jahre erfüllen einen mit Stolz, als ob es sich um eine Leistung handle, statt mit Geborgenheit, die aus einem natürlichen Miteinander entsteht.

Man erwartet Überraschungen, zumindest von Zeit zu Zeit. Dass eine erwartete Überraschung in sich selbst zerfällt, ist die logische Konsequenz. Ihr emotionaler Effekt ist im besten Falle der einer erfüllten Erwartung, was oft gar nicht wahrgenommen wird, ansonsten können erwartete Überraschungen nur scheitern.

Der Wunsch, vom Partner als Mittelpunkt seines Lebens gesehen zu werden, kommt auf, was ebenfalls kontrovers wirkt, sobald man sich bewusst wird, dass dieser Wunsch auf Gegenseitigkeit beruht.

Besonders Frauen neigen dazu, sich jeden Wunsch von den Augen ablesen lassen zu wollen. Mit dieser Neigung werden Ansprüche an den Partner gestellt, die oft sogar die eigenen Kompetenzen überschreiten, da der Mensch (die Frau) selten Klarheit über seine Wünsche hat.

Kurz: Wo ICH war, soll ER werden, im aggressiveren Fall gar umgekehrt. (Sinngemäss auf beide Geschlechter anwendbar.)

Ich stosse mich an diesem Konstrukt hauptsächlich, weil es so engen Rahmenbedingungen unterworfen ist und im Praktischen überhaupt nicht mit unserer Idee der romantischen Liebe vereinbar ist.
Man kann das freudsche Extrem betrachten, dessen Analyse besagt, dass der Mensch durch libidinöse Bindungen an den anders geschlechtlichen Elternteil an zwei spezifische Partnertypen gebunden ist. Doch muss man nicht einmal Freuds Theorie für wahr nehmen, damit eine solche Einschränkung eintritt, denn die normativen Schranken, die wir der Partnerwahl und der Beziehung selbst auferlegen, führen etwa zum selben Effekt.

So weiss jeder Mensch für sich, wie der Partner und die Beziehung zu sein haben, damit er glücklich wird. (Dies ist schliesslich das eigentliche Ziel.) Man hat ein genaues Bild davon, wie es sein sollte, hat konkrete Vorstellung darüber, wer der passende Partner ist, man stellt zahlreiche Erwartungen an Person und Situation, von denen man nicht einmal bemerkt, dass es welche sind.

Doch seit wann weiss der Mensch so genau, was ihn glücklich macht?
Daher meine Zweifel über die Ehrlichkeit der Institution Beziehung und zugleich auch über deren Sinn.
Wie kann (das was) Liebe (sein sollte,) entstehen, wenn wir nicht offen sind für das wahrhaftige Wesen des Gegenübers, sondern sein Denken, sein Handeln und sein Fühlen solange in unsere Schablonen von Vorstellungen, Wünschen und Erwartungshaltungen pressen, bis vom Ursprung nichts mehr übrig bleibt.
Das Gravierendste aber ist, dass wir emotional daran haften und uns mit Eifersucht oder Angst beladen, wenn wir gedanklich die Grenzen der Erwartungen übertreten und mit Enttäuschung, Wut oder Aggression reagieren, wenn in der Tat unsere Illusionen zerstört werden.

Ich will natürlich die nahrhafte Seite, die des absoluten Glückgefühls, die ebenfalls Teil einer Beziehung ist, nicht ausser Acht lassen. Doch selbst diese Seite bekommt einen klebrig-bitteren Nachgeschmack, wenn man bedenkt, dass sie sich aus Momenten nährt, in denen man glaubt, man stehe im Mittelpunkt eines anderen Lebens.

Vielleicht ist es zukünftig besser als Nicht-Betroffene Beziehungskrisengespärche zu lassen, damit solche Ansichten vermieden werden können.

Donnerstag, 27. August 2009

Wäschetrockner - eine Erfindung der Schweiz

Ich liebe das Bild von Wäsche, die an den Hausmauern entlang aufgespannt und bereit ist, von der Sonne getrocknet zu werden, wahrscheinlich deshalb so sehr, weil man es in der Schweiz so selten zu sehen bekommt.
Seit längerer Zeit brauchen wir die Sonne für diesen Prozess nicht mehr, sondern bedienen uns den Wäschetrocknern.




Warum man glauben könnte, diese wären einzig für die Schweizer Bevölkerung erfunden worden:

Das Klima in der Schweiz ist schlicht zu kalt. Bedingt durch Wetter und Mensch. Wäsche ist Privatsphäre und nicht ein Ausstellungsobjekt. Niemand hängt freiwillig sein Innerstes an einen Faden vor die Haustüre, wir bleiben damit im Verborgenen, ziehen uns in den Keller zurück, der zweckgemäss warm gelüftet wird und gehen davon aus, dass der Effekt derselbe sei.

Nebenbei ergibt sich dadurch ein unschlagbarer Vorteil des schweizerischen Wetters: Es hat Unterhaltungswert. Wir können uns tatsächlich über das Wetter unterhalten, weil man nie weiss, was der Tag für Wetter mit sich bringt. Die Chance, dass das Wetter morgen noch gleich ist wie heute, liegt in der Schweiz bei nur 60%, weil im Durchschnitt das Wetter alle 3 Tage umschlägt und mit dem Wetter auch unsere Tagespläne und unser Gemüt. Unser Wetter-Talk ist also gar nicht so banal, wie wir zu denken glauben.

Zusätzlich sieht man an dem häufigen Gebrauch von Wäschetrocknern aber auch, wofür die schweizerische Zeit als vergeudet investiert angesehen wird. Nämlich in existentielle Dinge, das Aufhängen der einzelnen Kleidungsstücke, die uns tagtäglich begleiten. Die schweizerische Zeit ist mit dem Studium der aktuellen Sonderangebote besser genutzt.

Montag, 20. Juli 2009

Jenseits der Sicherheit

Eigenartig
wie das Wort eigenartig
es fast als fremdartig hinstellt,
eine eigene Art zu haben.
Erich Fried

Und: das Streben (nach mehr) als anthropologische Grundkonstante? Und wenn aufgrund des Millieus nicht möglich, verschiebt sich dieses Bedürfnis in die Phantasie. Kommt überraschenderweise eine reale Möglichkeit auf, wird sie ergriffen, auch mittels Gewalt.
Und: Genügsamkeit nicht als Stillstand verstehen (logisch), aber eben doch nicht.
Und: Durch welche Gruppen entsteht eine neue Dynamik in einer Gesellschaft?
Durch die Dichter/Schriftsteller, die Werber und die Jungen. (Ergebnis einer Studie)
Bei den Intellektuellen fehlen grosse Namen, öffentliche Stellungsnahmen, die Debatte im Tagesanzeiger vor einigen Monaten zeigte, dass die meisten sich auch nicht in dieser Rolle sehen, denn: worauf mit dem Finger zeigen, dass nicht ein reines Abstraktum ist? (Konformität als Beistpiel)
Die Werber: wecken stetig neue Bedürfnisse, rein Materielle, versteht sich... Konsum, ein Mittel der Zerstreuung, gegen Langeweile, füllt die Leere, stopft das Loch...
Die Jungen: Wo sind sie? (Spiegel extra...)
Begreifen sich als Ur-individuell, waren aber wohl noch nie so homogen wie heute (Vermutung und generalisiert)

Ja, das so meine Gedanken, wie gewohnt fehlt jegliche Stringenz, aber das regt den Geist ungemein an...

Freitag, 10. Juli 2009

Der grausame Charakter

Ein Artikel mit dieser Überschrift erschien heute im Kulturbund des TAs. Der Soziologe, Philosoph und Politikwissenschaftler Wolfgang Sofsky beschreibt darin die Erscheinung der Grausamkeit, die für ihn kein von den historischen Umständen abhängiges Phänomen darstellt, sondern, wie könnte es auch anders sein: eine anthropologische Konstante.
Kreativität, Hochmut, Untertänigkeit (wie auch immer er dies genau meint) und Feigheit determinieren den Menschen zur grausamen Destruktivität, wobei es allein um deren Selbstzweck, also um die Freude an ihr geht, so Sofsky. Ein weiterer Abschnitt besagt jedoch:

„In der Horde fühlen sich die Feiglinge stark. Hier ersetzt brutale Körperkraft die fehlende Willenskraft. Einmal im Leben wollen sie den Festtag geniessen, da sie ihre ängstliche Existenz hinter sich gelassen haben. Sorge nach Sicherheit veranlasst auch den furchtsamen Despoten zu Akten der Barbarei.“

Zuerst einmal möchte ich vorne weg nehmen, dass ich diese Argumentationsschiene aus mehreren Gründen satt habe:
1. Den Menschen als anthropologisch destruktiv abzutun, führt zu nichts.
2. Unser aktuelles Gewaltproblem zu „lösen“, indem man es als unüberwindbar erklärt,
erscheint mir zu bequem.
3. Die Befürworter dieser Theorie bedienen sich immer denselben Beobachtungen, die schon
lange durchgekaut und wieder ausgespuckt sind, bis sie sich am Ende selber
widersprechen.

Kann es wirklich sein, dass uns der Status quo so eingenommen hat, dass wir das Bild dieser Zeit als anthropologische Konstante erklären wollen, nur um wieder Ruhe zu finden in der ganzen Aufregung und Angst? Damit wir versauern können in unserer Passivität, um unser Entsetzten in Grenzen zu halten und nicht uns selbst und unsere Zeit in Frage stellen zu müssen, damit wir der Situation mit vollkommener Gleichgültigkeit entgegnen können?

Dabei etläutert Sofsky selbst, dass der Mensch aus Suche nach Sicherheit zu dieser Grausamkeit getrieben werden kann, schrieb ein ganzes Werk über das Prinzip Sicherheit, womit die Grausamkeit nicht allein mehr Selbstzweck ist, sondern der Ausweg aus der Angst.

Beim Stichwort Sicherheit klingelts im Ohr:
Wie schon öfters landen wir bei Freud. Die Kultur als Gerüst der Sicherheit auf Kosten unserer persönlichen Freiheit und uneingeschränkten Triebbefriedigung. Wenn nun dieses Gerüst ins Wanken kommt, auf uns herab zu stürzen droht und dies, obwohl wir so viele unserer potentiellen Glücksmomente für dieses aufgegeben haben, ist es da nicht nachvollziehbar, dass Menschen grausam werden? Ja vielleicht empfindet der Mensch in gewissen Momenten der Destruktivität sogar Lust oder es scheint ihm, als öffne sich ein Ventil durch das man Dampf ablassen könnte, doch was hat sich hinter dem Ventil alles angestaut? Der Titel beschreibt das Phänomen korrekt: Es handelt sich um einen grausamen Charakter. Ein solcher aber ist, wie wir das heute verstehen, individuell, kulturell und gesellschaftlich geprägt, mit genetischen Faktoren, die dessen Enwicklung beeinflussen können. Nicht aber sehen wir einen Charakter als Produkt einer philogenetischen Entwicklung und schon gar nicht als Teil einer Konstante.

Von so vielen "natürlichen" Dingen konnten wir uns (erfolgreich) entfremden. Selbst meine Katze gibt sich mit getrockneten Crackers zufrieden, steht auf Schnüre statt Mäuse und schläft ausschliesslich auf Plüsch. Obwohl distanziert betrachtet, die Entfernung der Katze von ihrer Natur absolut grotesk und absurd ist, erreicht sie noch lange nicht den Grad der Entfremdung, welcher der Mensch erreicht hat. Alles konnten wir überwinden, nur unsere Destruktvität nicht? Für mich ist diese Argumentation schlicht zu einfach. Er zeigt eine Resigantion dem aktuellen Leben gegenüber, statt dass wir diesem den Kampf ansagen.

Hiermit die Überleitung zu einer meiner Grundfragen: Gibt es ein Leben jenseits der Sicherheit? Treffe ich dort auf das absolute Glück (Freud), das reine Chaos (Arnold Gehlen) auf das rein Gute (Rousseau) oder auf die nackte Gewalt (Hobbes) oder gar pure Grausamkeit? (Sofsky)
Ich bin dafür, es auszuprobieren.