Mittwoch, 26. Januar 2011

Beziehungskisten

 Dieser Post ist Part 2 vom Projekt "Raus aus Facebook", dessen Erklärung beginnt hier.


Zwei Erklärungen vorne weg, um mich vor Kritik zu hüten:

  1. Die Ausführungen richten sich nicht an vertrauensvolle, bodenständige Beziehungen, die haben in diesem Beitrag nichts verloren.
  2. Der Teil der folgenden Gedanken, welcher auf eigenen Erfahrungen und nicht auf Gehörtem oder empathisch Erschlossenem beruht, wird explizit preisgegeben und für den Rest wünsche ich mir keine fehlerhaften Interpretationen, was mein Privatleben anbelangt.

number one
Seit zwei Wochen war sie nun mit ihrem neuen Freund zusammen und er – welch ein Arsch – hat seinen Beziehungsstatus auf Facebook noch immer nicht geändert. Sie kocht vor Wut. Seine Ex, ja diese dumme Kuh, ist dafür noch immer in seiner Freunde-Liste. Natürlich hat sie auf ihrem Profil die aufreizendsten Bilder von sich veröffentlicht.  Ob er die insgeheim noch anschauen geht? 

number two
Es war Schluss. Schon seit Wochen. Doch sein Facebookprofil übte noch immer eine ungeheure Anziehung auf sie aus. Es versprach ihr etwas Kontrolle über die Beziehung hinaus. Sie konnte weiterhin Teil von seinem Leben sein. Seine Fotos waren einmal ihre. Seine Informationen, Akivitäten – das war ihr Mann. Nun hatte sie insgeheim nicht mehr als sein Facebook-Profil – doch daran hielt sie sich fest.

number thirteen
Lange fand er Facebook doof, doch eines Tages war der Reiz dann doch noch da. Warum wohl? Wen wollte er auf Facebook heimlich treffen, ohne dass sie davon Wind bekam? Nur per Zufall hatte eine Freundin ihn auf Facebook gefunden und es ihr verraten. Über ihr Profil, mit dem sie ihn als Freund geaddet hat, hatte sie die Kontrolle zurück und es blieb ruhig.

number forty
Die beiden hatten nicht mehr als eine Affäre. Doch vielleicht hatte er nebenbei noch eine andere? Vielleicht seine FB Freundin mit den langen blonden Haaren? Oder die mit den lächerlichen Fotos? Vielleicht auch die von der gleichen Universität? Sie suchte und suchte und suchte ein Indiz, doch es waren zu viele potentielle Täterinnen, so fand sie keinen Beweis und lieferte sich mit ihrer Unsicherheit über all die schönen Frauenbekanntschaften wieder seiner Nähe aus. 

number 555
Plötzlich geschah es. Eine Freundin einer Freundin hatte ihr gesagt sie hätte ihn gesehen – mit ihr. Wer «ihr» war musste sie unbedingt heraus finden. Und sie fand sie. Die war es, die er gef*!%t hatte an jenem Abend als er ihr eine Nachricht auf der Pinnwand hinterliess. Braune Haare, grosse Augen – eine richtig billige Schlampe. Und doch irgendwie hübscher als sie selbst.

Es sind wahre Geschichten. Da nur mit dem Finger zeigen selten meine Art ist, folgt nun noch die eigene unendlich letzte: Nun, da beginnt man sich mal schlau zu machen über die Selbstinszenierung jenes Mannes, der gefällt, auf Facebook. Die plötzliche Anziehung der immer wieder gleichen Pinnwand Einträge, der immer wieder gleichen Fotos kam wie aus dem Nichts, doch sie war da – wochenlang.  Die Stalking-Sucht. Alles blieb ruhig, zu ruhig, das hatte ich beinahe täglich abgecheckt. Doch selbst Wochen später genügten zwei Worte, um die Ruhe zu durchbrechen: «Crazy heart» Vielleicht sogar mit Ausrufezeichen, so genau ist die Erinnerung nicht. Doch wie diese zwei Worte an der Pinnwand plötzlich die ganze Ruhe vertrieben, ja zum Teufel jagten und stattessen ich wieder von Fragen gejagt wurde, das hat die Erinnerung sich gemerkt. Welches Ereignis wohl hinter den beiden Worten steckte? Ob es überhaupt eine Bedeutung hatte? Wahrscheinlich schon…  

Die Diagnose einer Charakterschwäche bietet für solche Auswüchse zwar die einfachste Erklärung, doch genau genommen ist es keine. Wurde anfänglich von Bloggern behauptet, es seien alles nur Narzissten, um dann zu merken, dass allein die Vielzahl der Blogger es unmöglich macht, dass tatsächlich nur Narzissten bloggen, kann man dasselbe auch über FB-Stalker sagen. Es sind zu viele. 

Woher aber kommen diese Geschichten dann?

Anders als gemeinhin wahrgenommen wird, ermöglicht Facebook nicht nur die Einsicht in einzelne Profile, einzelne Leben und mit diesen Leben den Aufbau sozialer Beziehungen, sondern mit jedem Profil kriegen wir gleich die Einsicht in die gesamte soziale Vernetzung gratis mit dazu: Wann hat die Person mit wem geschrieben, an welcher Party wo teilgenommen, wann und wo neue Freunde kennengelernt?
Jede Aktivität wird rekonstruierbar, zeitlich auf einen selbst rückbeziehbar (Was hab ich bloss gemacht, als sie mit ihm geschrieben hat?!) und damit potentiell kontrollierbar. Das Täterprofil liefert Tatzeit und Tatort gleich mit, selbst wenn es gar keine Tat dahinter gibt. So wird aus jedem neuen Facebook Freund vom eigenen Objekt der Begierde ein potentieller Feind. Ein virtuell realer Feind an dem Schönheitsideale gemessen und Interessen verglichen werden können, ein Messen mit  einer perfekt inszenierten Persönlichkeit.
Die Angst hintergangen, verarscht und ausgenutzt zu werden ist (natürlicherweise) gross, das Potential, dass dies tatsächlich geschieht ebenfalls, ich verweise erneut auf Freud. Aber die Möglichkeit diese Angst scheinbar zu kontrollieren, ist der verlängerte Arm unserer sozialen Kompetenz. 

Hört man also auf Freud, ist es psychologisch gesehen kein Wunder, dass Menschen sich auf diese Kontrollmöglichkeit stürzen. Und hört man genauer hin, verrät er uns auch noch:
«Ferne Zeiten werden neue, wahrscheinlich unvorstellbar grosse Fortschritte auf diesem Gebiet der Kultur mit sich bringen, die Gottähnlichkeit noch weiter steigern. Im Interesse unserer Untersuchung wollen wir aber auch nicht daran vergessen, dass der heutige Mensch sich in seiner Gottähnlichkeit nicht glücklich fühlt.»
Ich habe von vielen Beziehungen oder Vorstadien und vor allem auch Nachstadien solcher gehört, die dank Facebook unerträglich wurden. Aber mir ist noch kein einziges positives Beispiel dazu zu Ohren gekommen. Die obigen Beispiele sind ein exemplarischer Auszug eines psychologischen Problems, das uns Facebook aufbürdet. Wenn wir Menschen nahe stehen, sehr nahe, scheint es für unsere Psyche gefährlich, ihnen noch näher zu kommen.

Mit einer Bekanntschaft einer Person gleich das gesamte Netzwerk mitgeliefert zu bekommen, für den Aufbau des Vertrauens gleich alle, meist nichtssagende Informationen einbeziehen zu müssen und für den Prozess der Ablösung noch alle Kontrollmöglichkeiten zu haben, sind Möglichkeiten, die unser soziales Vermögen übersteigen. So sehr, dass es uns zu solch wahnsinnigem Verhalten treibt.
Zu wissen dass sie war, ist unerträglich genug, aber dann auch noch zu wissen wer sie war (als perfekt inszeniertes FB-Profil versteht sich) ist wohl mehr, als die menschliche Psyche ertragen kann und die Möglichkeit herauszufinden wann es war, eine abgrundtiefe Konfrontation mit unseren Grenzen. Dem hochgelobten Up-To-Date Sein zum Trotz, gibt es eine Grenze unseres psychischen Fassungsvermögens, bei dem wir uns fragen müssen, wie gesund es noch ist,  an alle Informationen heran zu kommen. 

Und dies muss unbedingt richtig verstanden werden: Ich will damit nicht sagen, dass wir glücklicher werden, wenn wir beispielsweise von Betrug in einer Partnerschaft oder neuen Bekanntschaften nichts erfahren. Auf der Anklagebank sitzt hier nicht die Information solcher für uns negativer Ereignisse an und für sich, denn dass der Mensch damit umzugehen vermag, bezweifle ich nicht im Geringsten. Aber die Tatsache, dass wir mit der sozialen Prothese Facebook die Möglichkeit erhalten, die sozialen Kontakte, die Aktivitäten, ja das Leben einer Person zu verfolgen, uns die Informationen eigenhändig zu beschaffen, sie – gottähnlich – zu jeder Zeit und an jedem Ort zu beobachten, wird besonders dann, wenn uns eine Person mehr als normale FB Freunde bedeutet, zu einer messerscharfen Verletzungsgefahr. Oder Suchtgefahr. Zwischenmenschliche Beziehungen, besonders die emotionsgeladenen, brauchen vor allem Eines: Die Möglichkeit der Distanz. Facbook aber ist omnipräsent, Distanz ist dabei Mangelware. 

Wenn wir also solche Geschichten hören, muss man sich mit der Zeit schon fragen, woher dieses hässliche Verhalten kommt. Ist es bloss eine Charakterschwäche eines Einzelnen oder doch ein grundlegenderes und weitgreifenderes Problem? Die Art und Weise wie die neuen Fähigkeiten durch FB beschaffen sind, nämlich Fähigkeiten die normalerweise nicht auf die geringste Art in uns enthalten sind und zusätzlich eng mit Leid verbunden sind, das zwischenmenschliche Beziehungen verursachen kann, lässt meines Erachtens nach die Frage zu, ob uns das alles nicht einfach zu viel ist.  In emotional aufgeladenen Momenten zeigt sich dieses zu viel eindeutig, wenn man nicht geschätze 70% der 15-30 Jährigen pathologisieren will. Doch pathologisch oder wahnsinnig ist ein solches Verhalten allemal, allerdings sehe ich die Ursache in der Kombination des Mediums Facebook mit der psychischen Konstituion des Wesens Mensch und nicht im einzelnen Charakter. - Dazu sind es, wie gesagt, zu viele.

Wenn man sich anhört, warum Menschen FB als den Himmel auf Erden empfinden, kommt eine Begründung immer zuerst: Die netten Menschen aus dem Ausland. Menschen, far far away, deren Leben mich eigentlich einen Sch*!ss interessieren, dafür ist Facebook gemacht. (was natürlich auch noch dementiert wird.) Doch in der aller nächsten Nähe wird Facebook tatsächlich zur potentiellen Hölle.

Samstag, 22. Januar 2011

Menschen brauchen keine sozialen Prothesen

«Der Mensch ist sozusagen eine Art Prothesengott[…]», so Sigmund Freud in Das Unbehagen der Kultur über das Wesen des Menschen. Von sich aus kann der Mensch so gut wie nichts. Doch aus diesen Mängeln hat sich beim Menschen eine Idealvorstellung von Allmacht und Allwissenheit gebildet, jener der Mensch mit jedem technischen Fortschritt näher zu kommen versucht. Werkzeuge, Waffen oder Transportmittel helfen uns über unsere physischen Schwächen hinweg. Sie verleihen uns die Geschicklichkeit eines Vogels im Nestbau, die Kraft eines Bären und die Geschwindigkeit eines Geparden. Doch längst sind wir darüber hinaus, uns an den Tieren zu messen und haben es geschafft, die Fähigkeiten jeden Tieres um ein Vielfaches zu übertreffen. Mit dem Computer übertreffen wir sogar unsere Denkfähigkeit um Längen.
Die Dampfmaschine als prothesenartige Überwindung unserer Mängel anzusehen leuchtet ein, doch diese mit Facebook in einen Topf zu werfen, scheint vorschnell. Allerdings gibt es meines Erachtens nach gleich drei Zugänge, die eine solche Analogie begründen können.

1. Von der Begriffsentwicklung  aus: 
Der Begriff Technik bedeutete in seinem griechischen Ursprung «techne» so viel wie «Kunst», «Fertigkeit» oder auch «die Kunstfertigkeit etwas Bestimmtes zu erreichen.», so der Brockhaus. Heute allerdings wird unter technischem Vermögen gemeinhin jenes Vermögen verstanden, das ausserhalb des Menschen liegt und das die menschlichen Fähigkeiten auf allen Ebenen übertrumpft. Wenn das Web unter den Sammelbegriff Technik fällt, kann also auch von Facebook gesagt werden, dass es, abstrakt gesehen, eine Erweiterung der menschlichen Fähigkeiten darstellt.

2. Aus der Sichtweise der Mediengeschichte:
Auch der Blickwinkel der Mediengeschichte lässt einen solchen Vergleich zu: Das Buch war die Erweiterung des menschlichen Gedächtnisses, der Fernseher diejenige des menschlichen Auges, das Telefon die unseres Ohrs , der Computer die unserer Denkfähigkeit. Die Entwicklung neuer Medien orientiert sich stets an den menschlichen Fähigkeiten und vor allem an deren Begrenztheit. Sie entstehen nicht aus dem Nichts, sondern ihnen liegt der Mensch als mangelhafte Vorlage zugrunde, die es zu optimieren gilt.

3.   Von der psychoanalytischen Sicht Freuds aus:
Das Streben des Menschen sich selbst zu einem (Prothesen)Gott zu erheben, entwickelt sich in der freudschen Theorie aus unserer stetigen Flucht vor Leid. Diese Flucht dient dem Menschen als Ersatz für das (eigentlich ersehnte) Streben nach Glück, das, so Freud, nicht im Plan der Schöpfung enthalten war. Denn es gibt drei unüberwindbare Leidensquellen für die psychische Konstitution des Menschen, die ihm das Glück verunmöglichen: Die Übermacht der Natur, die Hinfälligkeit unseres eigenen Körpers und – man staune – Beziehungen zu den anderen Menschen. So entwickelte der Mensch Seismographen zur Vorhersage von  tödlichen Erdbeben, Chemotherapien zur Behandlung von tödlichem Krebs und Facebook zur Kontrolle (tödlicher) zwischenmenschlicher Beziehungen.
Ich möchte mit Freuds Worten selbst zeigen, dass es nicht ganz so abwegig ist, Facebook und die Chemotherapie in eine Reihe zu stellen, wie er auf den ersten Blick scheint: «Ferne Zeiten werden neue, wahrscheinlich unvorstellbar grosse [oder andere?] Fortschritte auf dem Gebiete der Kultur mit sich bringen, die [die] Gottähnlichkeit noch weiter steigern.»

Wird Facebook damit zu einer Technik, die unsere soziale Kunstfertigkeit erweitert? Ein Medium, das eine mangelhafte Vorlage zu optimieren vermag? Zur Flucht vor unausweichlichem Unglück?

Alle drei Fragen sind potentiell mit einem Ja zu beantworten. Doch die Erkenntnis der Analogie allein lässt noch lange keine Wertung zu. Ob die menschliche Fähigkeit seine Mängel durch Hilfsmittel selbst zu beheben (in dem Sinne: Kultur zu schaffen) den Menschen nun zum freudschen unglücklichen Prothesengott oder zum glücklichen Prometheus von Gehlen werden lässt, ist ein altbekannter Streit, der in der Kulturwissenschaft und in der Philosophie geführt wird. 

Ein kurzer Vergleich soll zeigen, dass es sich lohnt diese Frage für das Web 2.0, hier spezifisch Facebook, erneut aufzugreifen und ernsthaft zu diskutieren, denn wir bewegen uns in einer vollkommen neuen Entwicklung:
Der Alltag lehrt uns, wer Auto fährt, wird faul, wer zu oft den Taschenrechner benutzt, verlernt das Kopfrechnen, wer nur mit Mikrowelle kocht, vergisst wie man Feuer macht. Durch die Hilfe von Technik, die ausserhalb des Menschen liegt leiden unsere eigenen inneren Fähigkeiten, sie verkrüppeln und verstümmeln.  Was geschieht, wenn nun FB zur Hilfe unserer sozialen Fähigkeiten wird? Wenn mehrheitlich noch über FB kommuniziert wird? Wenn wir nur noch dank FB an Geburtstage denken, uns getrauen neue Menschen anzusprechen, uns über Statusmeldungen statt über Gespräche updaten?
Beim Gebrauch eines Taschenrechners kann man einwenden, dass unser Kopfrechnen zwar unter dem Gebrauch leidet, dass er uns aber zugleich viele weitere Möglichkeiten eröffnet, die uns wiederum fordern und unser eigenes Denken verlangen. Doch funktioniert diese Kompensation bei sozialen Plattformen auch? Und was, wenn die Plattform uns damit Möglichkeiten für soziale Beziehungen eröffnet, die unsere Kompetenzen übersteigen?

Um all diese Fragen soll es in den folgenden Beiträgen gehen. Auf einige von ihnen habe ich zur Zeit noch selber keine klar begründete Antwort. Doch gewiss ist, dass allein die Tatsache, dass der Mensch sich Techniken erschafft, die der Erweiterung seiner sozialen Kompetenzen dienen, ein neues Menschenbild aufkommen lässt. Das Bild eines Menschen, der nicht genügend fähig ist, soziale Beziehungen zu führen, nicht stark genug, Konflikte auszutragen, nicht mutig genug, den Verwirrungen der zwischenmenschlichen Beziehungen zu begegnen. Menschen, die nicht genügsam sind mit den Menschen um sich herum. 

«Facebook macht vieles einfacher!» – Vielleicht zu einfach.
Wollen wir tatsächlich Menschen sein, die «social technics» der sozialen «techne» vorziehen? Vielleicht die letzte «techne», die letzte Kunstfertigkeit, die uns geblieben ist? Was aber ist er dann noch «der Mensch»?
Nach zwei Jahren schlechten Bauchgefühls und etlichen Überlegungen bin ich zum Schluss gekommen, dass 

  1. Ich kein solches Menschenbild mit mir herum tragen will. 
  2. Wir zu wenig bis gar nichts durch die soziale Plattform gewinnen.  
  3. Durch FB zu viel verloren, verlernt oder sogar verkrüppelt wird. 
Der erste Punkt ist eine Glaubensfrage. Darüber möchte ich nicht streiten. Die anderen beiden Behauptungen versuche ich so verständlich als möglich und damit so übertrieben wie nötig in den folgenden Beiträgen zu illustrieren und zu begründen. Der erste Beitrag «Beziehungskisten» soll morgen folgen.

Projekt «Raus aus Facebook!» – Abschied vom Nichtabschied


Ich bin eine Idealistin. Idealisten verpflichten sich gerne ihren Prinzipien entsprechend zu handeln, obwohl sie selber nicht genau verstehen warum – einfach so, dem Pragmatismus zum Trotz. Das Prinzip, das hinter meinem Facebook-Abschied steht, ist einfach: 

Menschen brauchen keine sozialen Prothesen.

Im Anschluss finden sich die über bald zwei Jahre gesammelten Geschichten, Erkenntnisse und Fragezeichen rund um die social Plattform Facebook, die irgendwie zu erklären versuchen, was ich selber manchmal nicht ganz begreifen kann.

Das Spektrum ist breit: Begonnen hat das (ich nenne es jetzt mal) Projekt eigentlich schon mit dem letzten Artikel «Post Facebook Natum – der neue Flirt», doch wusste ich dies dann noch nicht. Er handelt von Facebook und der Spannung offener Fragen an Menschen am Beispiel des ersten Dates. Einige noch halbwegs amüsante Beispiele zu  FB und «Beziehungskisten» sollen das Projekt weiterführen, wahrscheinlich verknüpft mit einer Sammlung standardisierter «Warum-ich-bei-facebook-bin-Rechtfertigungen». Schliesslich haben sich in meinem Kopf eine Fülle von Fragen über die Konstruktion zwischenmenschlicher Beziehungen mit Hilfe von FB und deren potentielle Auswirkungen auf die psychische Konstitution des Wesens Mensch gesammelt, die von nicht zu vernachlässigender psychologischer bis philosophischer Tragweite sind. Auf die Erläuterung des «Abschieds vom Nichtabschied» zielen schliesslich die gesamten Beiträge.

Natürlich gibt es zu all meinen folgenden Ausführungen auch Gegenargumente. Aber das einzig gute lautet wohl: «Du musst doch nicht alles gleich immer so eng sehen.» Dagegen kann ich tatsächlich nicht viel sagen. Manchmal ist die Welt für mich wirklich ganz schön eng. Alle anderen Argumente werde ich wohl dementieren oder ihnen zumindest ein gewichtigeres gegenüberstellen können. On verra.

Doch gesagt sei noch: Zu eng sehen sollte man dieses Projekt wirklich nicht. Es sind nicht mehr, aber auch nicht weniger, als die Gedanken einer hoffnungslosen Kulturpessimistin – in einem Blog veröffentlicht. Konsequenterweise darf man das nicht mal richtig ernst nehmen. 

Montag, 17. Januar 2011

Post Facebook Natum: Der neue Flirt

Ich bin keine Romantikerin. Doch der kalkulierte Facebook-Flirt ist irgendwie auch nicht das Wahre – ihm fehlt das Abenteuer des Alltags.

Es war einmal vor Facebooks Geburt. Bevor die Me
nschen begannen dieses Medium als die neue Wahrheit anzubeten, noch bevor sie sich mehrmals täglich zum heiligen Ritual vor den Computer setzten, noch bevor die Community sich in die schicksalhafte Fügung unserer Dates eingemischt hatte. Eine Zeit [...]


Der vollständige Orig
inalbeitrag befindet sich hier im Blog des online Magzins Clack.


Mittwoch, 1. September 2010

maybebaby – oder: die Importance of Being Earnest

Maybebaby: Populär Englisch und ungeniert locker, alles was die Frau von heute braucht, um über ihre Umstände aufgeklärt zu werden. Nun ja, oder sagen wir besser Mädchen oder sogar maybe Baby? Das Zielpublikum ist klar: Nicht werdende Mütter, sondern werdende Frauen, Teenies - Sexualleben ausgezeichnet, Verhütung mangelhaft, Charakter durchgefallen.

Nein, dieser Beitrag handelt nicht von einer Übersexualisierung der Jugend, nicht von zu verteufelnder Frühreife und schon gar nicht von fehlender Aufklärung. Er handelt vom Mangel an Ernsthaftigkeit. Einen Schwangerschaftstest als trendigen Lifestyle für Teenies anzupreisen, ist doch, mir fehlen die Worte, um es anders zu sagen, schlicht wahnsinnig. Ich brauche hier kaum ausführlich die eigentliche Relevanz (un)gewollter Schwangerschaften aufzuzeigen, weder emotional noch sozial, damit ich berechtigt die Frage stellen kann: Wie schafft Frau es, ihren Körper und sich selbst so wenig ernst zu nehmen, dass sie sich in ungeniert lockerem Englisch fragen kann: Maybe baby? Ganz einfach: Was mit ihrem Körper ist, kann man ja wegmachen, etwas dagegen machen, alles gleich machen. Warum Ernst, wenn doch alle Dinge dem Dienst der Ästhetik unterworfen werden können.

Doch nicht nur der Name, sondern auch sein Verkaufsstandort karikiert unsere Zeit:

Keiner sieht hin, keiner hört zu, keiner sagt etwas.

Nur das Mädchen, hoffentlich ihr Freund und - maybe Baby.

Doch keiner Frau, die einen Schwangerschaftstest unter vollkommener Diskretion kaufen will, ist geholfen, wenn sie das tatsächlich kann. Obwohl die Wälfler Diagnostics AG davon überzeugt ist: Mit den hochwertigen Selbsttestern leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Stärkung des Wohlbefindens und zur Verbesserung der Lebensqualität.

Die Hemmungen die bei einem üblichen Kauf überwunden werden müssen, sind zwar lästig, aber sinnvoll: Sie halten die Relevanz der Situation vor Augen, erinnern daran, dass nicht gespielt, sondern gelebt wird – ernsthaft. Hemmungen sind da, um überwunden und nicht umgangen zu werden.
Und wenn es schliesslich heisst: maybe Baby! Wie soll da eine werdende Frau und zugleich werdende Mutter den Mut aufbringen, die emotionale und soziale Tragweite einer ungewollten Schwangerschaft auszustehen (selbst wenn es nur darum geht, die Abtreibung zu beichten!), wenn sie nicht einmal einer erstaunten Apothekerin in die Augen zu blicken gelernt hat, da es von ihr nie gefordert wurde? Wenn jungen Frauen suggeriert wird, dass es sie nichts kostet aus sich und in sich und mit sich zu machen, was man will, wie soll eine junge Frau sich da selber noch ernst nehmen können? Ein Kinderspiel!
Ungewollte Schwangerschaften sind kein ästhetisches Manko, das hinter verschlossener Badezimmertüre behoben werden sollte, sondern eine ernsthafte Aufgabe. Leider aber sind keinerlei Hemmungen vorhanden, diese Aufgabe auf ein solch fragwürdiges Niveau zu bringen. Was meiner Ansicht nach daher rührt, dass wir es schon lange geschafft haben, die Frau in ihrer äusseren Erscheinung nicht mehr ernst bzw. aufrichtig zu nehmen, sondern einzig in den Dienst der kontrollierbaren Ästhetik stellen. Kinderleicht.

Samstag, 14. August 2010

Wie viel kostet eine Plastikfolie?

Wahrig oder Duden? Wahrig oder Duden? Wahrig oder… Vor zwei Tagen hatte ich diese Grundsatzentscheidung zu fällen und wie ich solche Probleme zu lösen pflege, um mich nicht durch banale, einmal gefällte Grundsatzentscheidungen einzuengen: Wörterbuch von Wahrig und Rechtschreibung von Duden.
Um meine Sünde, mich meinem selbstauferlegten Bücherkaufverbot widersetzt zu haben, rationalisierend abzuschwächen, entscheide ich mich nach langem hin und her wenigstens für einen Duden ohne CD-ROM: Brauche ich nicht und kann ich auch nicht brauchen, da mein freier Speicherplatz ohnehin vom Aussterben bedroht ist, lautet das Fazit.

Doch damit der Sünde nicht genug. Einen ausgepackten Duden bezahlt, dafür einen zugeschweissten eingepackt, begebe ich mich nach Hause. Dort, den Duden zum Einsatz schon wieder ausgepackt, merke ich: Diese Plastikfolie ist zwanzig Franken wert, denn zwischen ihr und dem Buch versteckt sich doch noch eine CD-ROM! Kurze Freude gefolgt von der unausweichlichen Frage:

Was mache ich nun mit einer CD-ROM - very nice to have – die ich aber weder brauche noch brauchen kann, und nun doch, nachdem ich so lange mit der Kaufentscheidung haderte, weil ich weder Bücher und schon gar nicht CD-ROMs kaufen sollte, (man erinnere sich des letzten Eintrags) und schon überhaupt gar nicht solche, die ich, um mich zu wiederholen: Weder brauche noch brauchen kann, und doch wirklich ‚v e r y nice to have', auf meinen Knien liegt, kostenlos, ja selbst gewissenlos, weil ich bis vor Kurzem ja nicht einmal wusste, dass ich sie habe?? - Oder besser gesagt, geklaut habe.

Behalten oder zurück bringen? Oder behalten und zurück bringen? (Das würde sogar funktionieren!) Wirklich? Oder merkt ‚man' das? Okay.. keine besonders intelligente Idee.

Wem ist das nicht auch schon passiert: Man trifft sich, hört zusammen Musik, packt den Laptop wieder ein und mit ihm die fremde CD. Die Frage, ob sich die Frage stellt, ob man die CD zurück bringt, ist, so glaube ich, überflüssig. (Allenfalls stellt sich die Frage, ob ich sie in diesem Falle tatsächlich behalte und zurück bringe, aber dies nur by the way.)

Aber muss ich auch dem Herrn füssli eine CD wieder bringen, die absolut unbeabsichtigt und unbemerkt zu meinem Eigentum geraten ist? Tue ich damit jemandem weh? Kann man dies überhaupt stehlen nennen?

Das Problem stellt sich durch die Abstraktion, in der wir uns bewegen. Weder die Hersteller noch der Herr füssli und auch nicht die Mitarbeiter haben für mich den Charakter einer realen Person. Sie existieren bloss als abstrakte Grössen in einem Denkkonstrukt und sind bestenfalls lebende Marionetten in einer funktionierenden Struktur. Aber keiner Person liegt diese CD-ROM am Herzen, niemand wird sie tatsächlich als realen Gegenstand vermissen, wie die Person ihre CD in meinem Laptop. Zwar ist die CD-ROM rechtlich betrachtet jemandes Eigentum, doch emotional gesehen nicht. Sie existiert für den Besitzer allenfalls als Zahl in irgendeiner Liste.

Hierzu Erich Fromm in der ‚Pathologie der Normalität': In unserem System ist ein Prozess im Gange, für den ich gerne ein Wort prägen möchte, […] ich möchte vom Prozess der Abstraktion sprechen und verstehe darunter, dass man etwas abstrakt zu machen versucht, statt es in seiner Gegenständlichkeit und Konkretheit zu belassen. Auf Grund unserer Produktionsweise und auf Grund der Art, wie unsere Wirtschaft funktioniert, sind wir es gewohnt, Gegenstände in erster Linie in ihren abstrakten statt in ihren konkret-gegenständlichen Formen wahrzunehmen.

Dies beschränkt sich allerdings nicht nur auf Waren, sondern weitet sich aus auf Menschen: Man vergisst und ignoriert beim Abstrahieren alle seine [des Menschen] konkrete Eigenschaften. Man spricht von ihm als einem Schuhfabrikanten, wie wenn dies sein Sein gewesen wäre.

Ergänzend hierzu folgende Aussage aus ‚Psychoanalyse und Ethik' von E. Fromm: Unser moralisches Problem ist die Gleichgültigkeit des Menschen sich selbst gegenüber. Wir haben den Sinn für die Bedeutung und Einzigartigkeit des Individuums verloren und haben uns zu Werkzeugen für Zwecke gemacht, die ausserhalb unseres Ichs liegen. […] Wir sind zu Gegenständen geworden und auch unsere Nächsten sind für uns Gegenstände. […] Wir haben kein Gewissen im humanistischen Sinn, denn wir wagen uns nicht auf unsere eigene Urteilsfähigkeit zu verlassen.

Diese beiden Ausführungen miteinander verbindend, erhalten wir folgendes Fazit: Da ich die CD-ROM nur als abstrakten Gegenstand aus einem unpersönlichen Warenhaus mitnehme und den Verkäufer nur um den Tauschwert, nicht aber um den Gebrauchswert dieses Gegenstandes bringe - sie damit nicht im emotionalen, sondern wiederum nur im abstrakten Sinne als Besitz bezeichnet werden kann – kann ich sie im humanistischen Sinne auch nicht stehlen und bin somit für den unmoralischen Charakter meiner Handlung emotional unempfänglich. Also kann ich gar nicht anders als die CD-ROM zu behalten! – Würde es nicht all diese Überlegungen nach sich ziehen und hätte ich den Duden nicht gebraucht, um an meinen Texten für den Förderverein Weltethos zu arbeiten, dann hätte ich vielleicht wirklich nicht anders gekonnt, als sie zu behalten.


Zurück bleibt ein Duden, freier Speicherplatz, die Frage, ob nun ein Weltethos das Potenzial in sich birgt, den Menschen aus dieser Entfremdung zu führen oder ob der vorgängige Weg aus der Entfremdung die unausweichliche Voraussetzung für ein humanistisches und nicht autoritär funktionierendes Weltethos ist, und die Feststellung, mich beim nächsten Mal besser für zweimal Wahrig zu entscheiden, dann wäre mir all dies erspart geblieben.

Sonntag, 1. August 2010

Flucht aus der Langeweile

Das Bestehen meines Blogs jährt sich und damit auch das Ereignis, das mich vor einem Jahr zum Start dieses Weblogs bewegte: der Erste August und mein jährlicher Feuerwerksverkauf. Schon wieder habe ich mich gezwungen, mir die Beine in den Bauch zu stehen und in der Langeweile auszuharren, um mein letzes Feriengeld zu verdienen. Vieles hat sich seither nicht geändert: Mein Unvermögen am ästhetischen Sinn von Feuerwerk teilzuhaben, die Ausreden dafür, warum familie eben doch Feuerwerk kauft und die Rechtfertigungen warum sie es nicht tut. Auch nicht der Grad der Langeweile, deren beinahe pathologischen Charakter mir erst nach der Lektüre von Erich Fromms Publikation über die Pathologie der Normalität bewusst wurde (Das Leben hört auf, im wahren Sinne belebt zu sein. Langeweile ist meiner Meinung nach eines der grössten Übel, die den Menschen befallen können.). In dieser einen Woche ertrage ich so viel Langeweile, wie sonst während dem ganzen Jahr nicht. Alle Warnhinweise der Feuerwerkskörper kenne ich auswendig, ebenfalls das ganze Gartenartikel Sortiment, die Giftklasse jedes Spritzmittels, die Anzahl der Kacheln auf dem Boden, bis jeder Gedanke, selbst die kleinste Regung im Kopf, verstummt… Und vor allem bekomme ich auch die volle Ladung Langeweile der Leute ab, die nicht nur eine Woche, sondern wie sich vermuten lässt, den Hauptteil ihres Lebens mit eben dieser in trauter Zweisamkeit verbringen. Die anhaltende pathologische Form der Langeweile eben. Menschen, die ihr Leben dem täglichen Einkauf widmen, ihre sozialen Beziehungen auf die Gespräche mit der deutschen Kioskverkäuferin bauen und dann, in dieser Stimmung mich erblicken -das verlorene, unterbeschäftigte Migrosmädchen, das dazu verdammt wurde, die gefährlichen Knallkörper vor den bösen Rauchern zu beschützen- und die Gelegenheit ergreifen. Eine Kostprobe will ich nicht vorenthalten:


"Wenn Sie jung sind, können Sie die Welt erobern! Sie gehört Ihnen ganz allein!" Sie, die Kundin von der ich aus Kassierinnenzeiten einzig weiss, dass Pouletschenkel ihre Leibspeise sind, erzählt mir, wie sie ihr Leben nebst dem Kochen füllt. Sie sei alt, alles sei für sie zum Stress geworden, immer wieder betont sie, wie verbraucht sie sei, unglaublich verbraucht von der täglichen Arbeit zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang, neununddreissig Jahre lang habe sie sich verbraucht. A l l e s an ihr sei verbraucht. Termine: Stress; Einkaufen: Stress; selbst Ferien: Stress! "Geniessen Sie die jungen Jahre!", holt sie noch einmal aus, um mich gleich anschliessend zu fragen, was ich machen werde, nachdem ich ihr von meinem Final hier in der Migros und meinem Umzug erzählt habe. "Ah, das ist toll!" Ist ihre Reaktion, ihre Augen glänzen, vor Altersneid, so scheint mir und ihre Worte bestätigen es sogleich: "Wenn Sie jung sind, können Sie die Welt erobern!" Es sei eine typische Alterskrankheit, in jungen Jahren habe sie nie Probleme mit Stress gehabt, "aber jetzt", sie schüttelt bekümmert den Kopf, "aber jetzt", wiederholt sie um darauf vom eigenen Schweigen geschluckt zu werden, "ist sie verbraucht" beende ich ihre Worte in Gedanken. Froh sei sie, dass sie und ihre Katze gesund seien, ergänzt sie und findet in ein selbstbestärkendes Lächeln zurück. "Gesund?!!", versuche ich mich zu beherrschen, dies nur zu denken und boxe meine Gedanken in eine angebrachte Richtung: "Ja die Gesundheit ist das Wichtigste." Sie geht ab, verschwindet in der Drehtür, die sie in den Laden schleust und lässt mich zurück mit der Präsenz einer Grundfrage, die mich nun schon seit einigen Jahren begleitet:


Macht unsere Gesellschaft uns Alterskrank? Nicht das Leben, Krankheit, Tod, missglückte Beziehungen (laut Freud alles äussere Kräfte, die den Menschen für immer am wahren Glück hindern) sondern die Arbeit ist es, die sie verbraucht hat, die Arbeit -unser selbstgewähltes Los.

Ja, selbstgewählt.

Unsere Gesellschaft funktioniert, dank uns.

Auch dies kann ganz leicht von meinem Plätzchen hinter den explosiven Knallkörpern beobachtet werden: Ein zierliches blondes Mädchen entdeckt die riesigen Vulkane, wobei ihre Augen innert Sekunden auf dieselbe Grösse anwachsen und vor Freude Feuer speien. Ihre Mutter erblickt die Gefahr, läuft schnurgerade auf die Hand ihrer Tochter zu und versucht sie, mit dem wartenden Einkauf lockend, weg zu zehren. Doch die Tochter ist schlauer, sie sieht das grosse "A-Wort" von orangeleuchtender Farbe umrandet: "Aber Mami, es isch aktion!, Häsch gseh, aktion, Maaaamiii!" Schliesslich wurden zwei Packungen von vier leuchtenden Augen nach Hause getragen.
Dank Aktion mit Cumuluspunkten versüsst scheint es plötzlich lohnenswert die letzen Tage Arbeit in Rauch aufgehen zu lassen. ("Ja natürlich gibt es auf Feuerwerk auch Märkli, wenn sie möchten!") (Und ja natürlich waren es wieder dieselben Aktionen wie in den Jahren zuvor.)

Was ich damit sagen will: Dies alles ist ein subtiler Ausdruck hiervon:

Erich Fromm zu folgen, existiert eine Art Gesellschaftscharakter, der die psychischen Energien der Individuen in eine bestimmte Richtung lenkt oder kurz, dafür sorgt, dass die Menschen das tun wollen, was sie tun müssen.

Selbstverständlich wird am Ersten August die Schweiz ordentlich gefeiert und selbstverständlich wird am zweiten August wieder pünktlich zur Arbeit erschienen. Selbstverständlich selbstgewählt! Wir sind alle absolut funktionierende Glieder dieser Gesellschaft. Wir sind alle sowas von normal! Wir funktionieren! Es fragt sich nur zu welchem Preis? Natürlich zum Aktionspreis!

Die alte Frau, als die sie sich selbst bezeichnet hat, kehrt nach einigen Minuten aus dem Laden zurück mit einem Zvieri für mich. Zwei grosse weisse, mit Kassenzettel bestückte Pfirsiche, wie es sich fürs Personal gehört. Sie bedankt sich fürs Gespräch und nachdem sie sich vergewissert hat, mich nicht zum letzten Mal gesehen zu haben, verabschiedet sie sich mit einem freundschaftlichen "bis bald."

Diesen Tag habe ich ihr gerettet, sie etwas aus ihrer Langeweile geholt und diesen Tag hat auch sie mir gerettet, weil ich den Rest des Nachmittags damit verbrachte, diesen längst überfälligen Blogbeitrag auf Kassenzettel (siehe Bild) zu notieren. Wenn wir nicht mehr funktionieren, funktioniert es dann doch noch irgendwie.




Aber solange wir funktionieren, werden wir uns noch vielmals überwinden uns zehn Stunden am Tag mit langweiligem Feuerwerkverkauf zu quälen, ohne dabei irgendwelche moralischen Zuckungen zu machen. Und zu welchem Preis: Natürlich auch das zum Aktionspreis! Denn viel mehr werde ich die Migros kaum kosten.


Nun ja, allerdings nicht mehr lange. Gestern, Samstag, als der letze Vulkan seinem ehrenwerten Besitzer verkauft wurde, machte ich endgültig einen Abgang aus der Migrosarbeit, bei der meine Hirnzellen manchmal wörtlichst den Geist aufgegeben haben. Übrigens hat mir ein Kunde am letzten Tag, als ich ihn nach der wohlbekannten Karte fragte, mit seiner Bemerkung, die treffender nicht sein könnte, einen tollen Abschied beschert, den ich nicht vorenthalten kann: "Cumuluskarte? Natürlich habe ich eine Cumuluskarte, jeder in der Schweiz hat eine, wahrscheinlich haben hier mehr Menschen eine Cumuluskarte als einen Schweizerpass!" Danke. Bin gespannt wie lange ich in dieser Gesellschaft ohne Charakter was zu essen kriege.