Montag, 20. Juli 2009

Jenseits der Sicherheit

Eigenartig
wie das Wort eigenartig
es fast als fremdartig hinstellt,
eine eigene Art zu haben.
Erich Fried

Und: das Streben (nach mehr) als anthropologische Grundkonstante? Und wenn aufgrund des Millieus nicht möglich, verschiebt sich dieses Bedürfnis in die Phantasie. Kommt überraschenderweise eine reale Möglichkeit auf, wird sie ergriffen, auch mittels Gewalt.
Und: Genügsamkeit nicht als Stillstand verstehen (logisch), aber eben doch nicht.
Und: Durch welche Gruppen entsteht eine neue Dynamik in einer Gesellschaft?
Durch die Dichter/Schriftsteller, die Werber und die Jungen. (Ergebnis einer Studie)
Bei den Intellektuellen fehlen grosse Namen, öffentliche Stellungsnahmen, die Debatte im Tagesanzeiger vor einigen Monaten zeigte, dass die meisten sich auch nicht in dieser Rolle sehen, denn: worauf mit dem Finger zeigen, dass nicht ein reines Abstraktum ist? (Konformität als Beistpiel)
Die Werber: wecken stetig neue Bedürfnisse, rein Materielle, versteht sich... Konsum, ein Mittel der Zerstreuung, gegen Langeweile, füllt die Leere, stopft das Loch...
Die Jungen: Wo sind sie? (Spiegel extra...)
Begreifen sich als Ur-individuell, waren aber wohl noch nie so homogen wie heute (Vermutung und generalisiert)

Ja, das so meine Gedanken, wie gewohnt fehlt jegliche Stringenz, aber das regt den Geist ungemein an...

Kommentare:

  1. Vielleicht geht es den Intellektuellen wie mir. Ich bin dynamischen Gruppen gegenüber sehr misstrauisch eingestellt und kämpfe lieber allein und scheinbar ausichtslos.

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  2. Habe einen culture guide zum Spiegel Spezial angehängt, damit deine Gedanken für Uneingeweihte etwas Struktur erhalten.
    Ansonsten lässt sich sagen: die Jungen, das wären wir. Wo sind wir? Vor dem Laptop am posten...
    Streben als anthropologische Konstante und ein Postulat für die Genügsamkeit zugleich? Wie lässt sich das vereinen?

    Vielleicht wird unser Streben heute nicht mehr durch Geistiges sondern durch Materielles befriedigt? Zumindest für kurze Zeit, bis dann das Nächste folgt. Traurige Bilanz

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  3. Das Abstrakte führt wohl auch dazu, dass wir am Computer sitzen (obwohl ich nicht mehr jung bin, tue ich doch mal so, als gehörte ich dazu, zumal ja kaum jemand mehr am Computer sitzt als ich). Es gibt viele, was mich stört: a) dass wir in Kontexte eingebunden sind, die wir nicht verstehen können und so Schaden an Orten anrichten, an die wir nie hinkommen, b) dass sich unsere Gesellschaft entsolidarisiert, c) dass Verantwortung (auch rechtlich) auf einen ganz kleinen Bereich reduziert wird, d) dass reiche Menschen sich nicht schämen und arme Menschen ihnen nicht das Gefühl geben, sie müssten sich schämen, Max Frischs Tagebucheinträge zu diesem Thema sind heute kaum noch verständlich, e) dass Toleranz eine Verkleidung für die bestehende Intoleranz und das Beharren auf festgefahrenen Geschlechter-, Nationen-, Rassen-, Generationen-, etc.-Rollen und -Normen ist usw. Nur: Das ist doch alles abstrakt. Würde ich irgenwie widerständisch agieren, machte ich mich nur lächerlich. Und auf die Gefahr hin, lächerlich zu klingen: Ich glaube, nur Gewalt ist als Mittel tauglich. Nur wenn Menschen Angst haben, werden wir in der Lage sein, abstrakte Prozesse und Komplexe zu verändern. Das ist aber mehr ein Gefühl als ein durchdachter Gedankengang.

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  4. Wenn ich also grün denke, dann aus Angst, dass die Welt, so wie ich sie kenne, in Gefahr ist. So weit kann ich zustimmen. Aber wo liegt hier die Gewalt?

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  5. (Obwohl die Frage nicht an mich gerichtet ist, tue ich doch mal so.)
    Ich glaube die Gewalt als Mittel im Kampf wurde gemeint. Eben fehlt im rein grünen Denken (Abstimmen, Wählen, Kaufen)die Gewalt und ist daher auch nicht fähig etwas am ganzen Komplex zu ändern.

    Toleranz ist noch mehr als nur die Verkleidung der Intoleranz, nämlich auch eine erneute Legitimation zur Gleichgültigkeit. Der Lessingsche Begriff der Toleranz ist heute ebenso unverständlich wie Frischs Tagebuch Einträge.
    Wäre dieses Verständnis heute noch aktuell, würde sich vielleicht auch die Gewalt erübrigen. Nicht zu überlesen ist der hypothetische Charakter dieses Gedankens.

    Was mich stört ist diese hartnäckige Verteidigung des Status quo, fast alle Seiten leben das Ende der Geschichte. Und mehr noch: Sogar die phylogenetische Entwicklung wird so interpretiert, dass sie den aktuellen Zustand als einzig möglichen, als den Endzustand erscheinen lässt. (Posts: Der grausame Charakter) Weil die Sowjetunion als Beweis genommen wird, dass der Sozialismus gescheitert ist, weil Europa noch immer Grossepause hat und die Lehrer fort sind.

    "Würde ich irgenwie widerständisch agieren, machte ich mich nur lächerlich."

    Zu solchen Argumenten, Bfürchtungen kommt mir immer derselbe Satz in den Sinn: Was ist so lustig an Liebe und Frieden?

    Hiermit schliesse ich wieder an den Beginn des Posts:

    Eigenartig
    wie das Wort eigenartig
    es fast als fremdartig hinstellt,
    eine eigene Art zu haben.
    Erich Fried

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  6. Ja, Gewalt als Kampfmittel war gemeint. Die Aussage, dass Widerstand lächerlich wirkt, war nicht auf den Widerstand, sondern seine Objekte bezogen: Gegen was soll ich mich wehren, ohne mein Ziel zu verfehlen? In Berlin werden Porsches und Mercedes angezündet. Das schon nur ansatzweise zu legitimieren geht nicht - weil man sich dem Verdacht aussetzt, Gewalt zu unterstützen und das Recht auf Eigentum einschränken zu wollen (was ich auch will, aber das jemandem verständlich zu machen, ist ein aussichtsloses Unterfangen...) Das Argument, der Sozialismus sei gescheitert, finde ich immer wieder irrational - weil eine Form des Sozialismus gescheitert ist, die einer politischen Klasse enorme Privilegien eingeräumt hat und Unfreiheit als Basis des Sozialismus gesehen hat...

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  7. Konkret: wofür auf die Strasse gehen? was läuft grundlegend falsch? Läuft irgendwas grundlegend falsch? Sind wir nicht alle überfordert im Versuch, zu verstehen? Durch die komplexe, pluralistische Gesellschaft, in der scheinbar auch niemand durch das soziale Netz fallen sollte, ist der Solidaritätsgedanke entrückter denn je. Der wichtigste gemeinsame Nenner, das Mensch-sein, verschluckt von der Illusion der Individualität.
    Der Zeitgeist: Ich, du, er, sie.

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  8. Vielleicht: Idee des Grundeinkommens
    Alle verdienen den gleichen Lohn für ihre jeweilige Arbeit, bisher jedoch von den Initianten eher gedacht als kulturelle Inspiration denn als politische Idee.

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  9. Genau. Man müsste »irgendetwas« identifizieren und benennen können - und dann wird es wohl nicht grundlegend falsch laufen, sondern nur ein bisschen falsch, und die Kombination mehrer irgenetwasse die ein bisschen falsch laufen, ergibt die aktuelle Situation; die aber über alle Kritik erhaben ist, weil sie - scheinbar - besser ist als alle vergangenen Situationen.

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  10. (Jetzt hab ich einen Kommentar übersprungen…) Das Grundeinkommen würde man ja auch ohne Arbeit erhalten - damit man dann mit der Zeit tun könnte, was einem sinnvoll erscheint.
    Ich sehe das grundsätzliche Problem in der Dimension und in der Komplexität: gesellschaftliche, politische und ökonomische Grundgedanken wurden auf dem Hintergrund überschaubarer Staaten und Gemeinschaften gefasst; sie können in diesem globalisierten Kontext weder überprüft noch angepasst werden. Meine Vision wäre kleinere Gemeinschaften (z.B. ein Quartier), welche Ressourcen zugeteilt bekommen und nicht mehr brauchen können, als ihnen zustehen - und gleichzeitig auch für sämtliche politische Belange zuständig wären. Natürlich niemals zu realisieren in dieser Grössenordnung, aber dass man z.B. Stromkontingente (und auch Wasser etc.) pro Kopf verteilt, wäre wohl nicht so schwierig und könnte einige Probleme lösen.

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